Fünfter Vortrag
Durch die körperliche Beschaffenheit kam man nämlich dahin, in den Fünfzigerjahren schon etwas von dem zu fühlen, was man eine Loslösung des physischen Leibes von dem Seelisch-Geistigen nennen könnte. Man fühlte gewissermaßen immer mehr und mehr, wie sich das Leibliche näherte dem Leichnammäßigen. Man fühlte in diesem Fremdwerden des physischen Leibes, in diesem Entgegengehen des physischen Leibes den Erdenelementen gegenüber, man fühlte das Freiwerden des Seelisch-Geistigen. Und gerade indem man den Leib dann wie ein Kleid fühlte, empfand man das Verwandte des Leibes mit dem Erdigen, mit demjenigen, was einmal im Tode der Erde angehören wird. Man war gewissermaßen weniger erstaunt als heute, daß man den Leib einmal ablegen und den Erdenmächten übergeben muß, weil man diesen Prozeß des Ablegens des Leibes langsam und allmählich durchmachte. Das klingt paradox, weil man sich vorstellt, daß es schrecklich ist, seinen physischen Leib wie einen werdenden Leichnam an sich zu tragen. Aber so war das eben nicht, daß man ihn nur fühlte wie etwas, was unbequem ist, was gewissermaßen in eine Art von Fäulnis übergeht. Nein, man fühlte ihn als eine selbständige Hülle und Schale, die man aber durchaus trotz ihres Erdigwerdens lebenskräftig fühlte, aber schalenhaft, hüllenhaft wurde für diese Fünfzigerjahre der menschliche physische Leib. Dadurch aber erfuhr man etwas, einfach wegen dieser Beschaffenheit des Leibes, durch dieses Ähnlichwerden des Leibes mit dem Irdischen, was man heute nur durch abstrakte Wissenschaft erfahren kann. Man erfuhr zum Beispiel etwas über die innere Beschaffenheit der Metalle. Ein Mensch, der fünfzig Jahre alt war, hatte einen Instinkt für die Unterscheidung von Kupfer, Silber, Gold. Da fühlte er dann das Ähnliche dieser Metalle gegenüber seinem erdigwerdenden Organismus. Er fühlte anders gegenüber einem Bergkristall als gegenüber der Ackererde. Ein Mensch wurde weise in bezug auf die irdischen Verhältnisse dadurch, daß er alt wurde. Das beeinflußte die ganze Zivilisation. War man ein Kind, so sah man zu dem altgewordenen Menschen auf und sagte sich: Wenn ich so alt sein werde wie der, so werde ich weise sein; der ist weise. - Das begründete eine tiefe Verehrung und eine ungeheure Achtung vor dem Alter.
Cite:
GA 226/1923-05-20/p008 · edition original