Fünfter Vortrag
Das aber bewirkte einen großen Umschwung in der ganzen Menschheitsentwickelung, insofern die zivilisierte Menschheit in Betracht kommt. Der Mensch fühlte sich, wenn so die Dreißigerjahre herankamen, zwar eins mit seinem physischen Leibe, aber der physische Leib sonderte sich nicht mehr ab. Er fühlte sich verbunden mit ihm. Der physische Leib verriet ihm keine Weltengeheimnisse mehr. Das hatte zur Folge, daß das Menschengeschlecht gerade in diesem Zeitalter ein ganz neues Verhältnis zum Tode gewann. In der Zeit, wo der Mensch gewissermaßen durch die Absonderung seines physischen Leibes sich auf das Sterben vorbereitete, war dieses Sterben für ihn bloß eine Verwandlung im Leben, denn er lernte in den Fünfzigerjahren das allmähliche Sterben kennen. Er empfand es als etwas, was gerade weisheitsvoll in das Weltenall sich hineinlebte. Er empfand den Tod als etwas, was ihn in die Welt hineinführte, in die er sich schon hineingelebt hatte während des Erdenlebens. Der Tod war etwas ganz anderes, als er es später geworden ist. Man möchte sagen: Immer mehr und mehr trat an den Menschen das heran, daß das Seelisch-Geistige das Sterben mitmachte.
Cite:
GA 226/1923-05-20/p015 · edition original