Fünfter Vortrag
Dieser für die urindische Epoche ganz unmögliche Gedanke, der kam immer mehr und mehr herauf, je mehr sich das letzte Jahrtausend der Menschheitsentwickelung dem Mysterium von Golgatha näherte. Und aus dieser Stimmung ist so etwas hervorgegangen wie das berühmte griechische Wort, das Wort der griechischen Helden: Lieber ein Bettler in der Oberwelt, als ein König im Reiche der Schatten. - Denn der Grieche fühlte wenigstens, daß das Leben erstarkt, auch das seelische Leben erstarkt mit dem körperlichen Leben. Das war die Zeit, in der jene Menschheitsstimmung heranreifte, die in der richtigen Weise dem Mysterium von Golgatha entgegenwuchs. Denn woher rührte denn jene Kraft in der Frischhaltung des Seelenwesens, die den alten Menschen den Gedanken unmöglich machte, daß die Seele denselben Todesweg gehen könnte, den der Leib geht? Es machte diese Seelenfrische, diese Seelenunabhängigkeit in der Empfindung für den Menschen das aus, daß der Mensch in jenen alten Zeiten wußte, ich habe ein Leben gehabt, denn er schaute in dieses Leben hinein, das ein vorirdisches Leben war, das ich seelisch-geistig durchgemacht habe, bevor ich heruntergestiegen bin in die physische Erdenwelt. In dieser Welt, in der ich da oben war, war ich verbunden mit dem hohen Sonnenwesen.
Cite:
GA 226/1923-05-20/p018 · edition original