Erste Schritte zur imaginativen Erkenntnis
Man weiß von Menschen zu erzählen - die Fälle sind gut untersucht -, welche in einem gewissen Augenblicke ihres Lebens sich nicht erinnern an dasjenige, was sie vorher erlebt haben, die dem Augenblicke überlassen bleiben. Sie machen in diesem Augenblicke die unsinnigsten Sachen. Sie nehmen sich, ganz im Widerspruche mit ihrem bisherigen Leben, ein Eisenbahnbillett, fahren bis zu einer gewissen Station, tun alles dasjenige, was aus dem Verstande heraus für den Augenblick getan werden kann, tun es sogar geistreicher, raffinierter, als sie es sonst getan hätten. Sie gehen zur richtigen Zeit zum Mittagsmahl, sie verrichten alle Dinge des Lebens zur richtigen Zeit. Wenn sie an der Endstation angekommen sind, bis zu der das Billett reicht, nehmen sie sich wieder, vielleicht im Widerspruche mit der ersten Fahrt, ein Billett. So irren sie manchmal Jahre in der Welt herum, bis sie sich an irgendeinem Orte finden; da wissen sie nicht, wo sie sind. Da ist ausgelöscht in ihrem Bewußtsein alles dasjenige, was sie vom Nehmen des ersten Eisenbahnbilletts aus oder vom Weggehen vom Hause aus getan haben, und die Erinnerung beginnt erst wieder für diejenige Zeit, die vorher verflossen war. Und damit kommt ihr Seelenleben und überhaupt ihr ganzes menschliches Erdendasein in ein Chaos hinein. Sie fühlen sich nicht mehr so mit ihrem ganzen Menschen verbunden, wie sie sich früher verbunden gefühlt haben. Sie waren stets dem Augenblicke hingegeben, konnten sich im Raume stets in der richtigen Art orientieren, aber sie haben das innerliche Zeitgefühl, die Erinnerung verloren.
Cite:
GA 227/1923-08-19/p013 · edition original