{"corpus":"steiner","locus":"GA 227/1923-08-19/p030","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Derjenige, der nun wirklich genau und ehrlich mit der Selbstbeobachtung vorgeht, der wird aber sehen können, wie viele mystische Schauungen auf nichts anderes zurückgehen als auf äußere Sinneserlebnisse, die umgeändert worden sind im Laufe der Zeit. Und so paradox es scheinen mag, es kann einen vierzigjährigen Mystiker geben, der da glaubt, einen unmittelbar imaginativ-visionären Eindruck zu haben - nun, ich will etwas Konkretes setzen von dem Mysterium von Golgatha, indem er innerlich-geistig dieses Mysterium von Golgatha sieht. Er fühlt sich nun ungeheuer innerlich gehoben. Derjenige, der ein guter Psychologe ist, kann nun nachgehen, wie das Erdenleben dieses vierzigjährigen Mystikers verlaufen ist, und er findet, daß er als zehnjähriger Knabe ganz vorübergehend bei einem Besuche, zu dem ihn sein Vater mitgenommen hat, irgendwo ein kleines Bildchen gesehen hat. Dieses kleine Bildchen, das sich auf das Mysterium von Golgatha bezog, hat damals geringen Eindruck auf seine Seele gemacht; aber es blieb, es wandelte sich um, ging in die tiefen Untergründe der Seele hinunter, und im vierzigsten Lebensjahre stieg es auf als eine große mystische Schauung. Das ist dasjenige, was man vor allen Dingen betonen muß), wenn man es überhaupt wagt, mehr oder weniger öffentlich heute von den Wegen zu übersinnlicher Erkenntnis zu sprechen. Denn derjenige, der sich diese Wege leicht macht, der wird in der Regel dilettantisch nur von diesen Wegen sprechen können. Gerade derjenige, der ein Recht haben will, von mystischübersinnlichen Wegen zu sprechen, der muß gewissermaßen alles kennen, was zu Irrtümern auf diesem Gebiete führen kann. Der muß genau kennen, wie die gewöhnliche Selbsterkenntnis eigentlich nur umgewandelte äußere Eindrücke zumeist enthält, und wie wahre Selbsterkenntnis heute gesucht werden muß durch eine innere Entwickelung, durch ein Herausholen von Kräften der Seele, die von vornherein nicht da sind. Da muß man denn hinschauen gerade auf die Passivität des gewöhnlichen Denkens. Das gewöhnliche Denken schafft sich die Eindrücke so, wie die Sinne es wollen. Das Frühere ist auch im Denken früher, das Spätere ist auch im Denken später. Das Obere ist im Denken oben, das Untere ist im Denken unten. Und so folgt der Mensch für das gewöhnliche Vorstellen nicht nur im gewöhnlichen Leben, sondern auch in der Wissenschaft nur passiv den Vorgängen, die sich in der äußeren Welt abspielen. Unsere Wissenschaft ist ja so weit gekommen, geradezu es als ein Ideal anzusehen, darauf zu kommen, wiie die Dinge sich in der äußeren Welt abspielen, ohne daß das Denken den geringsten Einfluß darauf nimmt. Unsere Wissenschaft sieht es als ihr Ideal an, bei ihren Forschungsmethoden das Denken so passiv wie möglich zu gestalten. Damit tut sie auf ihrem Gebiete ganz recht. Sie kommt auf ihrem Gebiete zu den allergrößten Fortschritten, wenn sie gerade diese Methode beobachtet. Aber sie kommt immer mehr und mehr von dem wahren Wesen des Menschen ab. Denn da ist der erste Schritt in denjenigen Methoden zum übersinnlichen Erkennen, die man Meditation, Konzentration in bezug auf die inneren Seelenkräfte, oder auch noch anders nennen kann, da ist die erste Anforderung diese, den Übergang zu finden vom rein passiven Denken zum inneren Aktiven des Denkens.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Erste Schritte zur imaginativen Erkenntnis","site_heading":null,"date":"1923-08-19","location":null,"word_count":504,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/227/1923-08-19/p030","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/227/1923-08-19/p030"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/227/1923-08-19/p030"}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}