Erste Schritte zur imaginativen Erkenntnis

GA 227/1923-08-19/p042 ·1923-08-19 · original (original)
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Nun, das erste, was man erlebt auf diese Weise, ist eben die wahre Selbsterkenntnis des Menschen. Denn so, wie für die Augenblickserkenntnis im Leben vor uns stehen der Tisch, die Stühle, die ganze Halle hier in ihrer Schönheit, die nicht gehende Uhr und so weiter, wie das alles im äußeren Raumesleben vor uns steht, eine Augenblickswahmehmung gibt, so rückt sich vor das real gewordene Denken, vor das aktivierte Denken die zeitliche Welt, und zwar zunächst die zeitliche Welt des eigenen menschlichen Selbst. Dasjenige, was man erlebt hat, und was sonst bloß im Erinnerungsbilde als einem Vorstellungsbilde heraufgeholt werden kann ins Bewußtsein, das stellt sich einem wie ein gegenwärtiges Tableau hin, in dem das längst Vergangene gegenwärtig ist. Das wird ja auch geschildert von Leuten, die einen Schock bekommen haben durch die Lebensgefahr, in der sie gestanden haben beim Ertrinken und so weiter, und es wird auch heute schon konstatiert von ganz materialistisch denkenden Menschen - ich setze das immer dazu -, daß die Betreffenden in Lebensgefahr Befindlichen ein Tableau ihres eigenen Erdenlebens seelisch vor sich haben. Das rückt sich in der Tat vor den, der in dieser Weise sein Denken aktiviert hat, wie auf einmal vorhanden, als Tableau vor die Seele von dem Zeitpunkte an, von dem an man denken gelernt hat im Erdenleben, bis zu dem gegenwärtigen Zeitpunkte. Die Zeit wird zum Raume. Was vergangen ist, wird gegenwärtig. Ein Bild steht da. Das Charakteristische, über das ich morgen noch näher werde sprechen müssen, das ist, daß man nun zwar, weil die Sache bildähnlich ist, noch eine Art Raumgefühl hat, aber nur ein Raumgefühl. Denn diesem Raum, den man jetzt erlebt, dem fehlt die dritte Dimension. Man erlebt nirgends jetzt eine dritte Dimension, sondern überall den Raum nur in zwei Dimensionen; so daß man bildhaft erkennt. Deshalb nenne ich diese Erkenntnis auch die imaginative Erkenntnis; die Erkenntnis, die so, wie die Malerei, in zwei Dimensionen arbeitet, die eben eine Bild-Erkenntnis zunächst ist, eine in zwei Dimensionen sich darstellende Erkenntnis.

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