Erste Schritte zur imaginativen Erkenntnis
Es ist noch ein beträchtlicher Unterschied gegenüber den bloßen Erinnerungen. Die bloßen Erinnerungsbilder, die treten so auf, daß man das Gefühl hat, in der Erinnerung lebt dasjenige hauptsächlich, was von außen an Vorstellungen der Welt herangekommen ist, was man erfahren hat an Lust, Schmerz, was einem die anderen Menschen getan haben, wie die anderen Menschen an einen herangetreten sind. Das erlebt man vorzugsweise in der bloß vorstellungsmäßigen Erinnerung. In diesem Tableau, von dem ich spreche, erlebt man anders. In der bloßen Erinnerung - sagen wir, man ist vor zehn Jahren einem Menschen begegnet - erlebt man, wie der Mensch an einen herankommt, was er einem tut, Gutes, Böses und dergleichen. In diesem Lebenstableau aber erlebt man, wie man selbst den ersten Blick nach diesem Menschen gerichtet hat, was man getan hat, wie man erlebt hat, um seine Liebe zu erwerben, was man empfunden hat. Man empfindet also dasjenige in diesem Lebenstableau, was von innen nach außen sich entwickelt, während die bloße Erinnerung das gibt, was von außen nach innen sich entwickelt.
Cite:
GA 227/1923-08-19/p045 · edition original