Inspiration und Intuition
Ich habe Ihnen den Weg der Initiations-Erkenntnis schildern müssen — skizzenhaft zunächst -, wie er gegangen werden muß gerade in unserer Zeit, im gegenwärtigen Entwickelungspunkte der Menschheit, um zu einer wirklichen geistigen, spirituellen Erkenntnis des Wesens der Welt und des Menschen zu kommen. Initiations-Erkenntnis hat es aber gegeben, so lange es eine Menschheit gibt. Sie hat zu den verschiedenen Zeiten der Menschheitsentwikkelung verschiedene Gestalten annehmen müssen. Weil der Mensch ein Wesen ist, das eigentlich durch jedes folgende Erdenleben in einer anderen Weise mit seiner Seele geht, so ist auch dasjenige, was in den einzelnen Epochen der Weltentwickelung innerhalb der Menschheit erscheint, durchaus voneinander verschieden. Die einzelnen Unterschiede werden wir im Laufe der nächsten Tage noch kennenlernen; heute möchte ich nur das folgende sagen: Gerade mit Bezug auf dasjenige, was als Initiations-Erkenntnis gegeben werden muß, war es in alten Zeiten der Menschheitsentwickelung ganz anders als heute. Wir können zurückgehen um Jahrtausende — alles Genauere wird sich auch später ergeben - und wir finden weit zu rückliegend vor dem Mysterium von Golgatha eine ganz andere Art, wie der Mensch sich zu der natürlichen und zu der geistigen Welt verhält als heute, und dementsprechend auch eine ganz andere Initiationswissenschaft, als heute die rechte für den Menschen ist. Heute haben wir eine sehr, sehr weit entwickelte Naturwissenschaft. Ich will nicht von den höchsten Partien der Naturwissenschaft reden, sondern nur von demjenigen, was den Kindern vom sechsten, siebenten Lebensjahre an als eine Allerweltsweisheit beigebracht wird. Da nimmt das Kind ja auch auf in einem verhältnismäßig frühen Lebensalter heute jene Gesetzmäßigkeit, die, sagen wir, anknüpft an das kopernikanische Weltensystem; und von diesem kopernikanischen Weltensystem aus baut man Hypothesen darüber, wie das Weltenall entstehen kann. Man spricht da von der Kant-Laplaceschen Hypothese, die zwar revidiert ist, die aber im wesentlichen auch heute noch vor dem Menschen steht. Man sieht im wesentlichen auf einen Urnebel hin, wie man ihn ja heute noch durch die entsprechenden physikalischen Experimente veranschaulichen kann, in dem man Anfangszustände des Weltensystems sieht; man sieht hin auf einen Urnebel und nimmt an, aus diesem Urnebel heraus seien durch rotierende Kräfte die Planeten entstanden, die Sonne zurückgeblieben. Man denkt sich dann, wie aus diesem besonderen Ring, der sich dann zur Erde zusammengeballt hat, der aus dem Urenkel abgespalten ist, sich die weiteren Wesen durch Differenzierung gebildet haben, Mineralien, Pflanzen, Tiere, zuletzt auch der Mensch. Und man beschreibt das zunächst in rein naturwissenschaftlichem Sinne.
Cite:
GA 227/1923-08-20/p029 · edition original