Das Traumleben

GA 227/1923-08-22/p014 ·1923-08-22 · original (original)
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Bevor ich über Einzelheiten des Traumes, seiner Beziehung zu dem physischen Körper des Menschen und zu dem Geistigen des Menschen spreche, was in den nächsten Tagen noch geschehen soll, möchte ich heute charakterisieren, wie der Mensch durch die Traumeswelt sich in den ganzen Kosmos, in das ganze Universum hineingestellt zeigt. Man kann ja sehen, wie im Traume beginnt ein ganz anderer Zusammenhang der einzelnen Ereignisse des Lebens, als derjenige ist, den wir im Wachleben durchmachen. Im Wachleben - das haben wir ja gerade an den eben erwähnten Beispielen gesehen - stellen sich nach den Gesetzen, in denen wir in der sinnlichen Welt einmal drinnen sind, die Dinge in einem gewissen Zusammenhang dar. Ein Folgendes muß immer auf ein Früheres kommen. Der Traum zeigt dasjenige, was in der gewöhnlichen Sinneswelt geschehen kann, in vollständiger Auflösung. Es wird alles anders; es löst sich alles auf. Dasjenige, was, wie der Mensch selbst, als sinnliches Wesen an den Erdboden durch die Schwere gebunden ist, kann im Traume plötzlich fliegen. Der Mensch macht Kunstflüge ohne Flugzeug im Traume. Woran man sich sonst die Zähne ausbeißt, an einem mathematischen Problem zum Beispiel, das erlebt man im Traume so, als ob man es kinderleicht gelöst habe. Man erinnert sich dann vielleicht an die Lösung im Wachen nicht mehr — nun, das ist ja ein persönliches Unglück -, aber jedenfalls hat man die Vorstellung, daß die Hemmnisse, die Hindernisse im Vorstellen, die im Tagesleben da sind, nicht da seien. Und so wird alles, was im Tagesleben einen festen Zusammenhang hat, in einer gewissen Weise im Traume aufgelöst. Wollen wir uns ein sinnliches Bild machen von dem, was da im Traume eigentlich geschieht - für unser Vorstellen natürlich nur geschieht -, so können wir sagen: Wir stellen meinetwillen ein Glas mit einer Flüssigkeit, mit Wasser hin, geben irgendein Salz, das sich auflösen kann, in das Wasser hinein und schauen nun dem Auflösen zu. Das Salz, nehmen wir an, wäre sogar kristallisiert und hätte bestimmte Formen. Das Salz zeigt uns zunächst, wenn wir es hineinwerfen, die bestimmtesten Formen. Dann aber sehen wir, wie sich die Formen auflösen, die phantastischsten Formen annehmen, bis sich endlich das ganze Salz im Wasser aufgelöst hat und wiederum eine mehr oder weniger homogene Flüssigkeit erscheint.

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Cite: GA 227/1923-08-22/p014 · edition original