Das Traumleben
Nun aber ist der Mensch nicht ausgeschlossen von jener Gesetzmäßigkeit, in die man hineinkommt, wenn eben die Erdengesetzmäßigkeit wie die Stärke der Gravitation oder des Lichtes nicht mehr gilt. Und wollte man eine Gesetzmäßigkeit, die anders ist als unsere Naturgesetze, finden im Raume, dann müßte man immer weiter und weiter von der Erde sich entfernen. Will man sie finden auf eine mehr innerlich menschliche Art, so geht man vom Wachen ins Schlafen über. Wenn wir wachen, stehen wir drinnen im Bereich dieser Naturgesetze. Wir tun alles, was wir tun, im Sinne dieser Naturgesetze. Wir nehmen uns vor, unsere Hand, unseren Arm zu erheben; die chemisch-physikalischen Vorgänge, die da in den Muskeln sich abspielen, die mechanischen Vorgänge, die sich im Knochengerüste abspielen, sie spielen sich ab nach den Gesetzen, die wir hier auf Erden in unserem Laboratorium oder durch Beobachtung erforschen. Dasjenige, was da drinnen als Seele lebt, das geht im Schlaf heraus aus dem physischen und aus dem Ätherleib. Und indem es herausgeht, dringt es in die Welt ein, die nun nicht unterworfen ist den Naturgesetzen. Deshalb beginnt der Traum ein solcher Spötter über die Naturgesetze zu werden. Wir dringen in eine ganz andere Welt hinein. Wir dringen in eine Welt hinein, in die wir uns ebenso schlafend hineinleben, wie wir wachend mit unserem physischen Körper uns in die Sinnenwelt hineinleben. Aber diese Welt ist eine andere. Diese Welt hat nicht unsere Naturgesetze, sondern diese Welt hat ganz andere Gesetze. Jede Nacht, indem wir aus unserem physischen und Ätherleib herausgehen, tauchen wir unter in eine Welt, in der unsere Naturgesetze nicht mehr gelten. Und der Traum ist diejenige Macht, welche die intensive Opposition den Naturgesetzen gegenüberstellt.
Cite:
GA 227/1923-08-22/p025 · edition original