Das Einziehen des Menschen in die Epoche der Freiheit

GA 227/1923-08-31_02/p033 ·1923-08-31 · original (original)
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Die Dichtung selber, von der ich gesprochen habe, war nach jenem 4. nachchristlichen Jahrhundert nicht mehr vorhanden, aber allerlei Nachrichten von ihr, nicht urkundlich, aber mündlich, in einzelnen Kreisen, von Person zu Person erzählt, waren noch vorhanden, und in einzelnen Kreisen lebte das Andenken an jene Dichtung fort. Nur waren jene Kreise gehindert durch die herrschenden aufkommenden Kirchenkreise, öffentlich irgend etwas von dem, was da in den ersten drei bis vier Jahrhunderten gespielt hat, auch nur auszusprechen. Aber einer derjenigen, die noch etwas ahnten obwohl in vielfach verwandelter Gestalt, nicht mehr in der Größe der Gestalt der ersten Jahrhunderte - von der Dichtung und der Stimmung der Menschheit, aus der diese Dichtung hervorgegangen ist, war der Lehrer des Dante. Und man kann sagen, auf diesem Wege ist auch noch in Dantes «Commedia» in einer gewissen Weise, allerdings schon nach der Dogmenseite hinüber orientiert, in einer gewissen Weise eine Inspiration hineingekommen von dem, was in den ersten christlichen Jahrhunderten gewesen ist. Ich weiß selbstverständlich, was gegen eine solche Geschichtsdarstellung heute vorgebracht werden kann, und ich könnte die Einwände, die von dieser oder jener Seite gemacht werden, selbstverständlich mir auch selber machen. Aber so sehr man die Exaktheit anerkennen muß, mit der konstruiert wird unsere Geschichte, jene Geschichte, die die Menschheit heute lernt in den untersten und in den höchsten Schulen, so sehr man auch Respekt haben kann vor dieser Exaktheit, die auf Dokumenten, auf gewissenhafter historischer Kritik beruht — was nützt es? Das wird sich die Menschheit doch gestehen müssen: Die wahre Geschichte, die wirkliche Geschichte ist das nicht, denn in dieser Geschichte sind diejenigen Dokumente nicht enthalten, die eben im Laufe der Zeit von der Menschheit beseitigt worden sind. Daher mag die Geschichte noch so kritisch, noch so gewissenhaft in bezug auf das Dokumentarische sein, die wirkliche Geschichte können wir auch nur, ebenso wie die wirkliche Natur- und Himmelskunde, aus der geistigen Forschung selbst heraus gewinnen. Daher muß die Menschheit auch den Mut gewinnen, nicht nur über die Sternenwelt so zu reden, wie in den letzten Tagen hier gesprochen worden ist, sondern auch den anderen Mut gewinnen, dasjenige zur gewöhnlichen Geschichtsdarstellung hinzuzufügen, was in dieser Geschichtsdarstellung fehlen muß, weil gewisse Kreise eben Interesse daran hatten, die entsprechenden Dokumente vor der Nachwelt völlig verschwinden zu lassen. Aber in dem, was in den Menschenseelen lebt, da leben die Impulse auch der ausgerotteten Impulse fort; in dem, was die Menschen der späteren Zeit ersehnen können, da leben sie darinnen, jene heute nicht mehr geschriebenen — weil sie ausgerottet worden sind -, aber einstmals in der Menschheit lebendigen Impulse. Es wird daher nicht nur notwendig sein, daß in einer gewissen Beziehung die Menschheit, will sie in ihrer Evolution in die ihr vorgezeichnete Zukunft hinüberkommen, umlernt in bezug auf manche Begriffe, sondern daß die Menschheit umlernt auch in bezug auf die Gesinnung gegenüber der Wahrheit.

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Cite: GA 227/1923-08-31_02/p033 · edition original