Zehnter Vortrag
Man hat sich heute etwas anderes angewöhnt. Man geht weg von der Natur, so weit als möglich; man macht etwas, was einem selbst den Blick von der Natur abschließt, denn das, was man untersuchen will, das legt man unter ein Glas da unten auf ein kleines Tischchen; das Auge, das blickt nicht hinaus in die Natur, sondern blickt da hinein. Selbst der Blick noch ist abgeschnürt von der Natur. Man nennt das ein Mikroskop. Man könnte es ebensogut in einer gewissen Beziehung ein Nulloskop nennen, denn man schließt sich ab von der großen Natur. Und man weiß nicht, wenn man da unten das vergrößert hat, daß man in der Tat für die geistige Erkenntnis dasselbe hat, was geschehen würde, wenn der Vorgang in der Natur sich abspielte. Denken Sie doch nur einmal, wenn Sie irgendein kleines winziges Dingchen vom Menschen da drinnen vergrößern, damit Sie es beobachten können, so vollführen Sie ja mit diesem Winzigen des Menschen dasselbe, was Sie mit dem Menschen vollführen würden, wenn Sie ihn so weit auseinanderzerren und -reißen würden! Sie wären etwas viel Schrecklicheres noch als der Prokrustes, wenn Sie den Menschen so auseinanderzerren und -reißen würden, damit er so vergrößert ist, wie da dieses winzige Dingchen da unten unter dem Rohr vergrößert ist. Aber glauben Sie, daß Sie da den Menschen noch hätten? Es ist natürlich keine Rede davon, daß Sie den Menschen noch hätten. Ebensowenig haben Sie die Wahrheit da unten unter dem Mikroskop. Die vergrößerte Wahrheit ist nicht mehr die Wahrheit, ist ein Scheingebilde. Man darf nicht weggehen von der Natur und sich selbst noch den Blick einsperren. Gewiß, das alles kann für andere Dinge nützlich sein, aber für das, was eine wirkliche Menschenerkenntnis ist, ist es zunächst etwas, was ungeheuer von dieser wirklichen Menschenerkenntnis hinwegführt.
Cite:
GA 230/1923-11-09/p040 · edition original