Anthroposophie als Zeitforderung

GA 231/1923-11-15/p002 ·1923-11-15 · original (original)
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Es ist in der Gegenwart eine allgemeine Anschauung, daß die menschliche Erkenntnis gewisse Grenzen habe, nicht nur zeitliche Grenzen, die darin bestehen würden, daß man im Verlaufe der schon abgelaufenen Zeit nicht alles erreicht hat und noch manches der Zukunft überlassen muß, sondern in einem ganz allgemeinen Sinne spricht man heute von «Erkenntnisgrenzen», von Wissensgrenzen für die Menschheit. Man meint, es sei der Mensch nun einmal so veranlagt, daß er nur gewisse Dinge einsehen könne, nur über gewisse Dinge Bescheid wissen könne, während andere Dinge eben über seine Erkenntnisfähigkeit hinaus lägen. Und man bezeichnet wohl am meisten die Dinge der sogenannten übersinnlichen Welt als diejenigen, die der Mensch durch Erkenntnis nicht erreichen könne, für die er sich begnügen müsse mit dem, was man oftmals einen Glauben, eine Annahme aus dunklen Gefühlen und dergleichen heraus nennt. Gerade die Bestrebungen der letzten Jahrhunderte und der Gegenwart, welche in wissenschaftlicher Beziehung die größten Erfolge gebracht haben, die naturwissenschaftlichen, die auch den denkbar weitesten praktischen Nutzen gebracht haben, hält die heutige Menschheit dafür beweisend, daß man stehenbleiben müsse bei dem, was Sinne beobachten können, was durch Experimente festgestellt werden könnte und dergleichen, und das ist eben nur die sinnlich-wirkliche Welt. Das ist, wenn man vom Menschen spricht, nur diejenige Welt, die der Mensch im physischen Leibe zwischen Geburt und Tod oder Empfängnis und Tod durchläuft.

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