Anthroposophie als Zeitforderung
Nun soll ja nicht geleugnet werden, daß gerade die Naturwissenschaft ihre so großen Erfolge dem Umstande verdankt, daß sie sich in dieser Weise beschränkt hat, daß sie sich darauf beschränkt, die Sinneswelt nach allen Seiten zu durchforschen und nicht sich herbeiJäßt, in irgendeiner Weise von der Sinneswelt aus Schlüsse zu ziehen für eine übersinnliche Welt. Aber auf der anderen Seite ist für den sinnigen Menschen gerade mit dieser, wie man glaubt, voll bewiesenen Annahme von Erkenntnisgrenzen überhaupt etwas innerlich ungemein Tragisches verbunden, etwas Tragisches, das: heute\noch nicht zum Bewußtsein vieler Menschen kommt, das aber in unbestimmten Gefühlen, it allerlei unterbewußten Empfindungen in zahlreichen Menschenseelen spielt, sie unsicher im Leben, ja, sie oftmals unsicher und untüchtig im äußeren Handeln, im Verhältnis zu ihren Mitmenschen und so weiter macht. Denn es wird allmählich immer mehr und mehr gefühlt, daß die Grenzen, vor denen man in dieser Art haltmachen will, nicht bloß die einer äußeren übersinnlichen Welt sind, sondern daß mit diesen Erkenntnisgrenzen, wenn sie in richtiger Weise angenommen werden sollen, noch etwas ganz anderes verbunden ist. Der Mensch fühlt allmählich, daß ja sein wahres Wesen selber übersinnlicher Natur sein müsse, daß sein wahres Wesen, durch das er sich als Mensch seinen Wert und seine Würde zuerkennt, im Geistigen, also im Nicht-Sinnlichen liegen müsse. Wenn man mit aller Erkenntnis vor dem Übersinnlichen haltmacht, dann macht man ja vor der menschlichen Selbsterkenntnis halt. Dann verzichtet man darauf, das Wertvollste, das Würdigste im Menschen selbst zur Einsicht zu bringen.
Cite:
GA 231/1923-11-15/p003 · edition original