Anthroposophie als Zeitforderung

GA 231/1923-11-15/p007 ·1923-11-15 · original (original)
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Daraus entspringen dem Menschen heute nicht bloß theoretische Zweifel, sondern Unsicherheit der ganzen Seele, Unsicherheit des Gemütes, die für den, der eine unbefangene Beobachtung unseres Zivilisationslebens hat, überall durchschaubar ist, wenn auch die Menschen sich darüber hinwegtäuschen. Denn das ist ja das Charakteristikon der heutigen Zivilisation, daß man sich gerade über die tiefsten Fragen der Zivilisation hinwegtäuscht. Aber im Unterbewußtsein sind diese Fragen doch tätig, da äußern sie sich - zwar nicht als Theorien, aber in der ganzen Seelenstimmung, in der Zuversichtlichkeit und Tüchtigkeit des Seelenlebens. Da liegt die innere Tragik, die eigentlich auf dem Grunde jeder Seele, selbst der oberflächlichsten, zu bemerken ist. Und da entspringt dann das, was uns in der Gegenwart paradox erscheinen kann, es entspringt die Sehnsucht vieler Menschen gerade nach einer übersinnlichen Erkenntnis! Man möchte sagen, auf geistigem Gebiete geht es damit ebenso, wie es mit Hunger und Durst geht. Man verlangt nicht nach Speise und Trank, wenn man gesättigt ist, sondern verlangt nach ihnen, wenn man eben ungesättigt ist. Und aus einem innersten Bedürfnis heraus verlangt die gegenwärtige Menschheit nach dem Übersinnlichen, weil sie das Übersinnliche nicht hat. Während auf der einen Seite Philosophen und Naturforscher heute immer mehr und mehr beweisen wollen, daß es gegenüber dem Übersinnlichen unübersteigbare Schranken und Grenzen gäbe, sehen wir gerade auf der anderen Seite einen unstillbaren Durst schon sehr vieler Menschenseelen nach über sinnlicher Erkenntnis, und die Zahl dieser Menschen wird immer größer werden.

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