Anthroposophie als Zeitforderung
Zweierlei Dinge sind es, die dem Menschen im Traume als Bilder sich ergeben. Zunächst Bilder von Erlebnissen, die wir im Erdendasein durchgemacht haben, Reminiszenzen aus dem Leben. Das steigt herauf und zeigt dies oder jenes, was wir vor vielen Jahren erlebt haben. Aber was sich da geltend macht, das steigt herauf neben anderem, in einem Zusammenhange, den das Leben nicht dargeboten hat. Ereignisse, die vor zehn Jahren stattgefunden haben, werden zusammengeballt mit solchen, die sich vorgestern abgespielt haben. Das Entfernteste kommt zueinander. Dadurch, daß der Traum die Lebensfetzen zusammenstellt, bildet er unmögliche Bilder, chaotische Bilder. Alles, was das äußere Leben an Ereignissen, die wir durchgemacht haben, darbot, wird im Traume in einer chaotischen Weise uns vorgezaubert. Das ist die eine Form der Träume. Die andere Form ist die, wo wir in einer Art symbolischer Bilder unser eigenes Innere vom Traume vörgegaukelt erhalten. Wer hätte es nicht geträumt, daß er gelitten hat unter der Wärme eines kochenden Ofens? Er hat die Flammen flackern gesehen, er wacht auf und hat ein heftiges Herzklopfen. Oder wir träumen davon, wie wir an einem Zaune vorbeigehen; wir sehen die einzelnen Pfähle des Zaunes, wir sehen, wie zwei Pfähle oder ein Pfahl beschädigt sind, und dann wachen wir auf mit Zahnschmerzen. In dem einen Falle, wo wir von dem kochenden Ofen mit seiner Hitze geträumt haben, war es ein Bild unseres Herzens, das heftig gepocht hat. Im anderen Falle, wo wir vom Zaune geträumt haben, war es ein Bild unserer Zahnreihe, die uns irgendwie Schmerzen machte. Und wer genauer auf diese Dinge eingehen kann, der weiß, daß sich ein gewisses Gebiet der Träume dadurch charakterisiert, daß innere Organe oder Vorgänge sinnbildlich durch den Traum uns vorgestellt werden. Aber man muß schon ein wenig kundig auf alle die Verhältnisse, die darin walten, eingehen können, wenn man oftmals in den Sinnbildern des Traumes das wiedererkennen will, was sich eigentlich in ihnen ausdrückt vom Inneren des Menschenwesens. Dann wird man aber finden, wie es fast kein Organ oder keinen inneren Prozeß gibt, der nicht einmal in einer inneren Weise uns vom Traume vorgegaukelt werden kann.
Cite:
GA 231/1923-11-15/p011 · edition original