Anthroposophie als Zeitforderung

GA 231/1923-11-15/p012 ·1923-11-15 · original (original)
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Nun haben ältere Seelenforscher, die sich an den Traum herangemacht haben, eine sehr richtige Anschauung entwickelt über das Verhältnis des Menschen zum Traum. Sie haben sich gesagt: was wir in uns tragen, das fühlen wir eigentlich höchstens nur, aber wir schauen es nicht an, wir haben es nicht wie einen äußeren Gegenstand vor uns. Wenn wir aber unser eigenes Herzklopfen in dem Bilde eines kochenden Ofens vor uns haben, so haben wir ein Bild wenigstens in unserem Bewußtsein, das so aussieht wie das Bild eines äußeren Gegenstandes, das wir uns machen. Wir müssen von dem äußeren Gegenstande getrennt sein, wenn von ihm ein Bild in uns entstehen soll. Das, was man selber ist, auch wenn es der eigene Körper ist, das fühlt man an sich, man fühlt es schmerzhaft zuweilen, wenn irgend etwas Organisches nicht in Ordnung ist, aber man schaut es nicht an. Wenn man etwas anschaut in bildhafter Form, dann muß man außerhalb desselben sein. Und so haben die älteren Seelenforscher, die aber durchaus noch solche des 19. Jahrhunderts waren, sich gesagt: Träume ich in Sinnbildern von meinem eigenen Körper und seinen Vorgängen, so kann ich nicht in meinem Körper sein, denn sonst würde ich ihn nicht erleben. Ich muß daher in einem solchen Falle außerhalb meines Körpers sein. Das Bild stellt mir jedenfalls etwas dar von einem unabhängigen seelisch-geistigen Leben gegenüber dem Körper. Und wiederum sagten sie sich: Wenn ich in irgendeiner, wenn auch noch so verborgenen Weise Reminiszenzen des Lebens träume, so müßte das äußere Naturdasein doch so, wie es ist, sich mir darbieten. Aber da wird fortwährend etwas verändert, da gaukelt mir der Traum die phantastischsten Zusammenhänge vor. Da muß ich wieder drinnen stecken, denn die Natur, die mich sonst umgibt, kann mir doch nicht die Ereignisse, die ich mit ihr erlebt habe, auch nicht die Ereignisse des Menschenlebens, die ich erlebt habe, in einer ganz anderen Ordnung zeigen.

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Cite: GA 231/1923-11-15/p012 · edition original