Anthroposophie als Zeitforderung

GA 231/1923-11-15/p020 ·1923-11-15 · original (original)
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In der Nachahmung also entwickelt man diese Seelenfähigkeit. Wenn die Fähigkeit da ist, weiß man, was man mit ihr anfangen kann. Denn dann ist man in einem Zustande, wo man leeres aber durchaus waches Bewußtsein hat, aber auch innere Tätigkeit. Nachdem man das Illusorische dieser Tätigkeit abgeworfen hat, hat man zunächst keinen Inhalt. Doch der Zustand, den man durchlebt, gerade wenn man dazu kommt, die Fähigkeit der inneren Aktivität zu entwickeln, ohne zunächst auch einen Inhalt zu haben, dieser Zustand erfordert eine starke Überwindung. Und eigentlich ist diese Überwindung, die man dabei nötig hat, der Probier- und Prüfstein dafür, ob diese Geistesforschung eine ehrliche und echte ist. Denn in dem Moment, wo man sich dazu nur anschickt, mit leerem Bewußtsein, mit einfachem Wachbewußtsein, ohne daß dieses Wachbewußtsein einen Inhalt hat, zu leben, in diesem Moment breitet sich über das ganze Seelenleben ein unsäglicher Schmerz, eine unbegrenzte Entbehrung aus. Alles, was man sonst als Schmerzen in der Welt erleben kann, ist eigentlich gering gegenüber diesem geistig-seelischen Schmerz, den man in diesem Augenblicke der Erkenntnis erlebt. Und über diesen Schmerz muß man hinwegkommen. Denn dieser Schmerz ist eben der Ausdruck einer Kraft, die ihr physisches Abbild in allen möglichen Formen der Entbehrung hat: im Hunger, der uns zum Essen anleitet, im Durst, der uns zum Trinken zwingt und so weiter. Jetzt fühlen wir in der Seele etwas, was an uns herankommen muß, und wir fühlen es als einen unsäglichen Schmerz. Aber leben wir in dem Schmerz eine Weile, fühlen wir so recht unser Inneres selbst als ein schmerzerfülltes, das heißt, sind wir eine Weile Schmerz, ist unser eigenes Menschenwesen für unser Bewußtsein eine Weile nichts anderes als ein Zusammenhang von Schmerz, dann bleibt dieses Bewußtsein nicht länger leer, dann erfüllt sich dieses Bewußtsein, und es erfüllt sich nun nicht mit sinnlichem Inhalt, wie wir ihn durch Augen, Ohren und so weiter erhalten, sondern es erfüllt sich das Bewußtsein jetzt mit geistigem Inhalt. Und wir erhalten als das erste, was sich uns als geistiger Inhalt auf diese Art ergibt, unser eigenes geistiges Wesen, wie es als eine einheitliche Geistorganisation — aber in der Zeit, nicht im Raume lebend - sich ausdehnt zwischen der Geburt oder der Empfängnis und dem gegenwärtigen Augenblick, bis zu dem wir das Erdenleben durchlebt haben. Wie wir sonst in eine Perspektive des Raumes hineinschauen, unter der Perspektive Gegenstände, die fern sind, wieder sehen, so lernen wir von unserem gegenwärtigen Lebensaugenblicke aus hineinschauen in unsere eigene Vergangenheit. Das Körperliche schauen wir nicht in diesem Augenblicke, wir erinnern uns nur daran, wir müssen uns jedoch daran erinnern, denn sonst sind wir in unserem Bewußtsein zerstört. Der aber, der ein Geistesforscher werden will, darf kein Phantast werden, auch kein verworrener Mystiker, er muß sein Bewußtsein und seine Besonnenheit ganz so anwenden wie ein Mathematiker bei einem mathematischen Problem. Aber so, wie wir sonst die Dinge des Raumes in der Perspektive sehen, so schauen wir jetzt hinein in eine Zeitperspektive. Alles, was wir in unserem Dasein erlebt haben, steht jetzt vor uns in einem Zeittableau, aber in einem lebendigen Zeittableau. Doch nicht nur dasjenige, was wir selbst durchlebt haben, steht so vor uns, sondern auch dasjenige, was uns zeigt, wie wir geworden sind, wie innere geistig-seelische Kräfte von der Geburt oder Konzeption an unseren Körper aufgebaut haben, wie die plastischen Kräfte sind, die an unserem Leibe gearbeitet haben. Wir schauen uns äußerlich. Aber das, was wir da schauen, wodurch unser eigenes Seelenleben vor unserer Seele dasteht, das unterscheidet sich jetzt auch qualitativ von dem Erleben dieses Zeittableaus. Wenn man sonst auf sein Leben zurückblickt, dann erlebt man die Ereignisse, die an einen herankommen. Man erlebt zum Beispiel, wie ein Mensch an einen herangekommen ist, wie er einem entgegengetreten ist, liebevoll oder mit Haß, wie er dieses oder jenes vollbracht hat, indem er an einen herangekommen ist. Man erlebt sich in diesem Erinnerungsbilde so, wie die Außenwelt an einen herangetreten ist. In diesem anderen Erinnerungstableau dagegen, das aber jetzt in wirklichen Bildern dasteht, von denen man weiß, daß sie die eigene geistige Natur des Menschen wiedergeben, so wie sonst die gewöhnlichen Erinnerungsbilder die äußere Natur wiedergeben, in diesem anderen Erinnerungstableau blickt uns entgegen, wie wir uns der Außenwelt genähert haben. Da steht drinnen, wie man selber war, als man sich zum Beispiel einer anderen Persönlichkeit genähert hat, wie sich in unserem Gemüte Kräfte entfaltet haben, die gerade durch diese Persönlichkeit ihre Befriedigung, ihr Genüge, ihr Entzücken, ihre Froheit gefunden haben. Man schaut wirklich auf sich hin, wie man als Erdenmensch war. Und man sieht dann, wie jetzt in der Wirklichkeit die beiden Seiten, in denen der Traum maskiert war, zusammenfließen.

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