Anthroposophie als Zeitforderung

GA 231/1923-11-15/p023 ·1923-11-15 · original (original)
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Um nun weiterzukommen mit den Übungen, die sich an dieses Rückwärts-Erleben anknüpfen können, handelt es sich darum, daß man einen recht starken Wirklichkeitssinn sich aneignet. Ein solcher Wirklichkeitssinn ist zunächst nicht das, was die Menschen der Gegenwart stark auszeichnet. Es ist sogar etwas, was nicht ganz leicht zu erringen ist, denn mit Bezug auf das Erinnern bleiben die Menschen zumeist bei dem stehen, was im engsten Sinne irgendwie an ihrer Persönlichkeit haftet. Sie ziehen in ihren Gedanken nicht so stark die Fäden nach der Außenwelt, daß sich diese Fäden nach der Außenwelt mit ihren Erinnerungen verknüpfen. Der Mensch hat zumeist überhaupt nicht die Neigung, mit seinen Erinnerungen in der Außenwelt zu leben, real in der Außenwelt zu leben. Wie sehr das der Fall ist, davon kann man sich im alltäglichen Leben überzeugen. Ich habe schon Menschen kennengelernt, die zum Beispiel am Vormittag eines Tages eine Dame gesehen haben, die sie sehr interessiert hat, und wenn man sie fragt: Wie war die Farbe des Kleides der Dame? - wissen sie es nicht. Also ist es so, als wenn sie überhaupt die Dame nicht gesehen hätten, denn wenn sie sie gesehen haben, so haben sie doch damit auch die Farbe des Kleides gesehen. Wie locker ist man also mit der Außenwelt verbunden, wenn man am Nachmittage nicht einmal weiß, welche Farbe das Kleid eines Menschen hatte, den man am Vormittag gesehen hat! Ja, ich habe schon Leute kennengelernt, die haben sich in einem Raume aufgehalten und wußten nachher nicht, ob Bilder oder keine Bilder in dem Raume waren. Die unglaublichsten Erfahrungen kann man da machen. So muß daher der, der sich einen Wirklichkeitssinn aneignen will, sich erst darauf trainieren, auch in der äußeren sinnlichen Wirklichkeit voll zu leben, so daß das, an dem er vorübergeht, so vor ihm steht, wie es da draußen in der Wirklichkeit ist. Der Geistesforscher wird wahrhaftig kein Phantast; er muß sich Wirklichkeitssinn bis zu dem Grade aneignen, daß es ihm nicht passieren kann, am Nachmittage nicht zu wissen, was für ein Kleid die Dame trug, die er am Vormittag gesprochen hat. Er muß wirklich schon in der Sinneswelt mit Wirklichkeitssinn leben können.

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