{"corpus":"steiner","locus":"GA 231/1923-11-15/p024","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Nur wenn man sich darauf trainiert, dasjenige, was einem von den Dingen in der Erinnerung bleibt, anzuknüpfen an die äußere Welt der Wirklichkeit, dann entwickelt man den Sinn, für eine solche Geist-Erkenntnis eine fruchtbare Rückschau zustande zu bringen. Denn für das gewöhnliche Erinnerungsvermögen der Menschen schließt sich sehr leicht das Erinnerungsbild vor dem letzten Einschlafen an dasjenige nach dem letzten Aufwachen an. Ganz ohne Schwierigkeiten lassen die Menschen einfach das, was als Nachtabgrund zwischen diesen beiden Bildern liegt, weg, sie stükkeln das Bild des ersten Ereignisses nach dem Aufwachen unmittelbar an dasjenige des letzten Ereignisses vor dem Einschlafen an. Sie bemerken es meistens gar nicht mit einem lebhaften Bewußtsein, daß etwas dazwischen liegt. Will man sich aber ein solches Bewußtsein aneignen, daß man das, was man im Inneren erlebt hat, verknüpft mit dem Bilde, das von der Außenwelt da ist, dann muß man sich klarmachen, daß ja das, was man am Morgen nach dem Aufwachen erlebt, verbunden ist mit der ganzen Natur, die auf uns einen Eindruck macht, verbunden mit der aufgehenden Sonne, mit all den Eindrücken, die man durch die aufgehende Sonne hat, und so weiter - und was man als die letzten Ereignisse vor dem letzten Einschlafen hat, ist verbunden mit etwas, was in der Natur nicht zusammengehört, nämlich mit dem, was man nach dem letzten Aufwachen erlebte. Da wird man an den Bildern, die da nebeneinander stehen, gewahr werden: Da fehlt ja etwas! - Aber indem man so übt, indem man wiederum Seelenfähigkeiten erweckt, die im gewöhnlichen Leben nicht da sind, erlangt man die Kraft, daß man beim Rückwärtsschauen, wo man jetzt das erste Bild nach dem letzten Aufwachen hat und vordringen will zu dem letzten Bilde vor dem letzten Einschlafen, nun nicht eine Strecke Finsternis dazwischen erblickt, sondern daß diese Finsternis anfängt, sich geistig aufzuhellen, daß etwas sich hineinstellt in diese Finsternis. Wie man sonst für die tagwachen Zustände nur das verfolgt, was man erlebt hat, so tritt da plötzlich zwischen dem ersten Erlebnis nach dem letzten Aufwachen und dem letzten Erlebnis vor dem letzten Einschlafen etwas dazwischen, wovon man sich jetzt sagt: Du erinnerst dich ja an etwas - nur an etwas -, was du bisher nicht gewußt hast. - Es ist genau so wie im gewöhnlichen Erinnern sonst, nur daß man von dem, was nun herauftaucht, vorher nichts wußte. Jetzt fängt man an, zu erinnern, was man sonst verschlafen hat, selbst im traumerfüllten Schlafe verschlafen hat. Die leere Zeit, die man sonst im Bewußtsein hat zwischen dem letzten Erlebnis vor dem Einschlafen und dem ersten nach dem Aufwachen, sie füllt sich aus. Und wie sich unser gewöhnliches Bewußtsein ausfüllt mit den Erlebnissen des Naturdaseins, so füllt sich jetzt unser Bewußtsein aus mit dem, was wie eine Erinnerung heraufsteigt, aber wie eine, von der man jetzt weiß, du hast es im Unbewußten erlebt. Unser Bewußtsein füllt sich jetzt aus mit dem Seeleninhalt, der die äußeren Erlebnisse nicht mitgemacht, sondern sich vor den äußeren Erlebnissen zurückgezogen hat, schlafend geworden ist. Jetzt lernt man erkennen, wie die schlafende Seele wirklich ist, wenn sie nicht die Kraft hat, ihre Erlebnisse, die sie während des Schlafes in der geistigen Welt hat, so sich bewußt zu machen, wie der Mensch im Tagesleben sich die Ereignisse des physischen Lebens bewußt macht. Jetzt lernt man die menschliche Innerlichkeit als Geist und Seele wirklich kennen, und in diesem Augenblicke blickt man über das Erdenleben hinaus. Und man wird jetzt dasjenige, was man auf die geschilderte Weise wie ein großes aber konkretes Erinnerungstableau seines bisherigen Erdenlebens erblickt, nun angliedern können an das, was man war als seelisch-geistiger Mensch in einer rein geistigen Welt, bevor man durch die Geburt oder Konzeption in diese physische Welt heruntergestiegen ist.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Anthroposophie als Zeitforderung","site_heading":null,"date":"1923-11-15","location":null,"word_count":612,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/231/1923-11-15/p024","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/231/1923-11-15/p024"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/231/1923-11-15/p024"}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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