Anthroposophie als Zeitforderung
Und ebenso gliedert sich an dieses Erleben ein anderes. Wenn man während des ganzen Übens zu alledem hinzuentwickelt eine Fähigkeit, die gewöhnlich nicht als eine Erkenntnisfähigkeit angesehen wird, die aber doch eine solche auch ist - wenn man das entwickelt, was Liebe der Seele ist, volle Hingabe an das, was einem entgegentritt, so stark, daß einem diese Liebe bleibt, wenn man auch auf das eigene Selbst jetzt sieht, daß man das, was als Neues in der Seele auftritt, lieben kann mit einer wirklich hingebungsvollen Liebe -, dann entwickelt sich die Möglichkeit, mit vollem Bewußtsein im Wachzustande sich freizumachen im innerlichen Erleben von dem Körperlichen. In dem Augenblick aber, wo man sich im inneren Erleben frei gemacht hat von dem Körperlichen, da weiß man, wie es mit dem Menschen ist, wenn er ohne seine Körperlichkeit sein Leben durchlebt. Und im Bilde tritt einem vor die Seele die Tatsache des Durchgehens durch die Todespforte, des Sterbens. Hat man einmal erkannt, was es heißt, unabhängig vom Leibe in seinen geistigen Kräften sich zu erfassen, dann weiß man auch, was man ist im geistigen Dasein, wenn man den Leib abgelegt hat und durch die Todespforte geschritten ist. Und man lernt auch die Umgebung kennen, die dann für den Menschen vorhanden ist. Man lernt erkennen, wie mit dem Leibe, wenn er abgelegt ist, dasjenige von uns abfällt, was uns mit der Sinneswelt verbindet. Es bleibt aber das, was uns erst selbst gestaltet hat als Mensch, das Seelisch-Geistige des Menschen. So lernt man erkennen die Erlebnisse, die man mit anderen Menschen gehabt hat. Das aber, was in diesen Sinneserlebnissen gesteckt hat, wie sich Seele zu Seele gefunden hat, was sich ausgelebt hat in den Beziehungen zu anderen Menschen, zu näher und ferner stehenden, was sich im Raume und in der Zeit abspielte, das Ewig-Geistige lernt man erkennen, wie es die irdische Form des Erlebens abstreift. Und um so mehr erlebt dann die Seele das, was geistig in ihr gesteckt hat an Beziehungen zu anderen Menschen. Und es wird das, was sonst nur Gegenstand des Glaubens ist, Erkenntnisgewißheit.
Cite:
GA 231/1923-11-15/p025 · edition original