Anthroposophie als Zeitforderung
Das erleben die Menschen, wenn sie selber durch die Todespforte gegangen sind. Was von der Menschenseele gewöhnlich als Unsterblichkeit ersehnt wird, das tritt nur auf diese Weise in die wirkliche Menschenerkenntnis herein. Aber nur indem wir das wirklich Ewige im Menschen erkennen, dadurch, daß wir unsere Kräfte so weit anspannen, dieses Ewige in unserem Dasein im vorirdischen, geistig-seelischen Sein zu erkennen, erringen wir uns auch das, was uns das Fortleben nach dem Tode zur Gewißheit werden läßt. Das [Vorirdische] hat selbst als Ewiges in der Menschenseele in der heutigen Zivilisation kein Wort mehr, denn wir kennen nur die eine Hälfte der Ewigkeit, wir sprechen von Unsterblichkeit. Ältere Sprachen haben die andere Seite gehabt, die Ungeborenheit, das heißt unser Dasein, ehe wir ins Erdenleben eintreten. Aber erst die beiden Seiten - Ungeborenheit und Unsterblichkeit - machen die Ewigkeit aus. Und es ist so, daß der Mensch seine Sehnsucht nach der Unsterblichkeit damit bezahlen muß, daß sie ein bloßer Glaube wird, wenn er in der Erkenntnis verzichten will auf die Ungeborenheit, denn die Ewigkeit wird ihm nur klar, wenn er die beiden Seiten der Ewigkeit, die Ungeborenheit sowie die Unsterblichkeit seines Wesens in einer Einheit erkennt. Damit ist dann der Mensch vorgeschritten zu einem wirklichen Ergreifen desjenigen, was er ist, zu einer wirklichen Selbsterkenntnis.
Cite:
GA 231/1923-11-15/p026 · edition original