Zweiter Vortrag
Und dann werden Sie auch begreifen, daß Zeiten, in denen man ein Gefühl hatte für dasjenige, was jenseits der Schwelle liegt, für das, was webt und lebt in der Leuchte-Wolke, was lebt und webt in dem sich aufballenden Nebel, daß in diesen Zeiten zum Beispiel die Maler in einer ganz anderen Lage waren als später. Da trug für sie auch das, was sie als das Geistige kannten, die Farbe, damit diese Farbe hinkam an ihre rechte Stelle auf die Leinwand. Der Dichter konnte sagen, indem er sich bewußt war, daß die Göttlichkeit, die Geistigkeit in ihm sprach: «Singe, o Muse, vom Zorn des Peleiden Achilles» oder: «Singe mir, 0 Muse, vom Manne, dem Vielgereisten»; so beginnen die Homerischen Dichtungen. Klopstock hat dann, da damals nicht mehr rege war der Sinn für das Göttlich-Geistige, an die Stelle gesetzt: «Singe, unsterbliche Seele, dersündigen Menschen Erlösung»; ich habe das öfter besprochen. So wie das der Dichter in alten Zeiten gesagt hatte - er konnte das in Worte kleiden und seine Dichtungen damit beginnen -, so hätten aber auch die alten Maler, selbst noch diejenigen der Leonardo- und Raffael-Zeit sagen können und haben es auch empfunden in ihrer Art: Male mir, o Muse, male mir, o göttliche Kraft, trage mir die Hände, trage mir die Seele in die Hände, damit du in meinen Händen den Pinsel führen kannst.
Cite:
GA 232/1923-11-24/p047 · edition original