Fünfter Vortrag
Und wenn Sie sich nun denken, daß man zurückkommt in noch frühere Zeiten, so wird das alles noch flüchtiger, noch verschwebender. Betrachten Sie nur den grandiosen, den majestätischen Anblick, den ich Ihnen vorhin geschildert habe: diese wachsartig verfließenden Kieselsäurebildungen, in denen auftreten Bilder der Pflanzenwelt, die sich vollsaugen mit der weichen Albumine, mit der weichen Eiweiß-Substanz, die dadurch ein Grünendes und Vergrünendes in der Erdenumgebung darbieten - man schaut hinauf dazu. Denken Sie an diese Dinge, und Sie werden sich sagen können: Gegenüber den heutigen, aus fester Wurzel mit festen Blättern aus der Erde herauswachsenden Pflanzen oder gar gegenüber den heutigen Bäumen mit ihren erstarkten Stämmen, ist das alles flüchtiges Gebilde. Wie flüchtig ist das gegenüber einer heutigen Eiche, die zwar nicht selbst stolz ist auf ihre Eichigkeit, auf die aber stolz sind gewöhnlich die Umwohner, weilsie sich verwechseln in ihrer oftmaligen Schwäche mit der Eichigkeit der Eiche! Wenn Sie vergleichen diese Eichigkeit der heutigen Eiche mit diesen, ich möchte sagen, duftig entstehenden, duftig vergehenden, wie Schatten in der Atmosphäre auflebenden, sich verdichtenden, wieder verschwindenden Pflanzengebilden; oder wenn Sie vergleichen — nehmen wir gleich krasse Fälle - ein heutiges Nilpferd oder einen heutigen Elefanten in ihrer dicken Haut oder andere im Fleische lebende Wesenheiten mit den Wesenheiten der damaligen Zeit, die da als gerinnendes Eiweiß aus diesem allgemeinen Eiweiß herausgehen, dann vom Kalk erfaßt werden und in einer dadurch etwas dichteren Weise in Knochenandeutungen heruntergezogen werden ins Getierische der Erde - ich muß dieses mehr als Eigenschaftswort gebrauchen: ins «Getierische» der Erde -, wenn Sie sich das alles anschauen, wenn Sie sich die heutige Dichtigkeit, ich möchte sagen, die heutige Elefantitis der Erde anschauen gegenüber dem, was da einmal war, dann werden Sie nicht mehr zweifeln können, daß, wenn man noch weiter zurückgeht, man eben in ein noch Flüchtigeres kommt.
Cite:
GA 232/1923-12-01/p035 · edition original