Dritter Vortrag
Nun, auch bis dahin wollen wir heute nicht zurückgehen, sondern wir wollen jenen Zeitraum ins Auge fassen, den ich öfter bezeichnet habe als die chaldäisch-ägyptische Kulturperiode, die der griechischen vorangegangen ist. Wir haben darauf aufmerksam machen müssen, daß in dieser Zeit zwischen der atlantischen Katastrophe und dem griechischen Zeitalter sich mit Bezug auf die Erinnerungsfähigkeit, die Menschen-Gedächtniskraft, und mit Bezug auf das menschliche Zusammenleben große Veränderungen vollzogen haben. Ein solches Gedächtnis, wie wir es heute haben, so daß wir uns in der Zeit nach rückwärts etwas vergegenwärtigen können, ein solches Zeitgedächtnis war ja in dieser dritten nachatlantischen Kulturperiode noch nicht vorhanden, sondern es war ein Gedächtnis vorhanden, das gebunden war an rhythmisches Erleben, wie ich es dargestellt habe. Und das ist ja hervorgegangen aus dem, was besonders stark während der atlantischen Periode vorhanden war: das lokalisierte Gedächtnis, wo der Mensch überhaupt nur ein Gegenwartsbewußtsein in sich trug, aber durch alles mögliche, was er in der Außenwelt entweder vorfand oder selber hinsetzte, Merkzeichen hatte, durch die er sich mit der Vergangenheit nicht nur seiner eigenen Persönlichkeit, sondern mit der Vergangenheit der Menschheit überhaupt in eine Beziehung setzte.
Cite:
GA 233/1923-12-26/p005 · edition original