Dritter Vortrag
Da haben wir in einer Stadt Vorderasiens - Uruk nennt sie das Gilgamesch-Epos - eine von jenen Eroberernaturen, von denen ich gestern gesprochen habe, die so recht herausgewachsen waren aus jenen Seelen- und sozialen Menschheitsverfassungen, die gestern charakterisiert worden sind. Gilgamesch nennt ihn das Epos. Also wir haben es da mit einer Persönlichkeit zu tun, die in der Zeit, von der wir jetzt reden, ebenso beschaffen war, wie ich es nun charaktetisiert habe, die viele alte Menschheitseigentümlichkeiten noch bewahrt hatte aus früheren Zeiten. Aber so klar es für diese Persönlichkeit in der damaligen Zeit war, daß sie gewissermaßen die Doppelheit ist zwischen dem Geistig-Seelischen, in das die Götter hereinragen, und dem Physisch-Ätherischen, in das die Erden- und Kosmossubstanzen, die physischen und ätherischen Substanzen hineinragen, so sehr ist auch dieses eine Tatsache, daß in der Zeit, in der diese Persönlichkeit, von der das Gilgamesch-Epos spricht, lebte, gerade die charakteristischen Menschen, die repräsentativen Menschen bereits in einer Übergangsepoche zur späteren Menschheitsentwickelung standen. Und dieser Übergang bestand darinnen, daß das Ich-Bewußtsein, das verhältnismäßig kurz vorher beim Geistig-Seelischen oben war, wenn ich mich so ausdrücken darf, hinuntergesenkt sich hatte in das Leiblich- Ätherische, so daß also Gilgamesch gerade unter denen war, die anfingen, nicht zu seinem Geistig-Seelischen, in dem die Götter gefühlt wurden, Ich zu sagen, sondern zu dem, was irdisch-ätherisch an ihm war. Das war diese neue Seelenverfassung.
Cite:
GA 233/1923-12-26/p010 · edition original