Fünfter Vortrag
Also eine großartige Geistnatur-Anschauung strömte aus von diesen Mysterien drüben im Oriente. Mysterien waren dann auch, aber mit einer weit weniger realen Geistnatur- Anschauung, in Griechenland. Die griechischen Mysterien sind grandios, gewiß, aber sie unterscheiden sich ganz wesentlich von den orientalischen Mystetien. Es ist eben alles so in den orientalischen Mysterien, daß der Mensch sich eigentlich nicht auf der Erde fühlt durch sie, sondern sich angegliedert fühlt an den Kosmos, an das Weltenall. In Griechenland war auch das Mysterienwesen zuerst auf der Stufe angekommen, wo der Mensch sich mit der Erde in Verbindung fühlte. Daher war dasjenige, was im Oriente entweder erschien oder empfunden wurde in den Mysterien, die wesenhaft geistige Welt selber. Man schildert eben die absolute Wahrheit, wenn man sagt: In den altorientalischen Mysterien erschienen die Götter selber unter den Priestern, die da opferten und die Gebete verrichteten. — Die Mysterientempel waren zu gleicher Zeit die irdischen Gaststätten der Götter, wo die Götter eben das den Menschen schenkten dutch die Priesterweisen, was sie ihnen an Himmelsgütern zu schenken hatten. In den griechischen Mysterien erschienen nur mehr die Bilder der Götter, die Abbilder, etwas wie die Schattenbilder; wahrhafte, echte Bilder, aber wie Schattenbilder, nicht mehr die göttlichen Wesenheiten, nicht mehr die Realitäten, sondern die Schattenbilder. So daß der Grieche eine ganz andere Empfindung hatte als derjenige, welcher der alten orientalischen Kultur angehörte. Der Grieche hatte die Empfindung: Es gibt Götter, aber den Menschen ist nur möglich, Bilder von diesen Göttern zu haben, so wie man in der Erinnerung die Bilder der Erlebnisse hat, nicht mehr die Erlebnisse selber.
Cite:
GA 233/1923-12-28/p012 · edition original