Achter Vortrag

GA 234/1924-02-09/p003 ·1924-02-09 · original (original)
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Gestern versuchte ich zu zeigen, wie man durch eine intimere Beobachtung des 'Traumlebens des Menschen nahe herangeführt werden kann an die Initiationswissenschaft. Es wird nun meine Aufgabe sein, das, was ich gestern versuchte, Ihnen gewissermaßen vom Standpunkte des gewöhnlichen Bewußtseins aus anzudeuten, heute zu vertiefen dadurch, daß ich denselben Gegenstand ins Auge fasse vom Gesichtspunkte der imaginativen Erkenntnis aus, also so, wie sich die Dinge, die wir gestern betrachtet haben, ausnehmen, wenn derjenige sie anschaut, der es dazu gebracht hat, in Imaginationen die Welt zu überschauen. Sehen wir zunächst ab von dem Unterschied zwischen den beiden Traumarten, von denen gestern gesprochen worden ist, nehmen wir also die Träume als solche. Wir kommen zu einer gültigen Betrachtung, wenn wir schildern, wie das imaginative Leben, das imaginative Schauen sich selber findet gegenüber einem Traum, den der mit Imaginationen Begabte hat. Nun vergleichen wir das mit jener Selbstanschauung, zu der der Imaginierende kommt, wenn er auf seine eigene Menschenwesenheit zurückblickt, wenn er die menschlichen Organe, sei es an sich selbst, sei es an anderen Menschen, imaginativ betrachtet, oder auch den organischen Zusammenhang, das heißt den ganzen Menschen als einen Organismus. Sehen Sie, beides, sowohl die Traumwelt wie der physische und auch ätherische Menschenorganismus, nehmen sich vor dem imaginativen Bewußtsein ganz anders aus, als vor dem gewöhnlichen Bewußtsein. Der Imaginierende kann auch träumen, und er träumt unter Umständen ebenso chaotisch wie die anderen Menschen. Er kann ganz gut aus den eigenen Erlebnissen heraus die Traumeswelt beurteilen, denn neben dem imaginativen Leben, das ein innerlich geordnetes, innerlich lichtvolles ist, fließt eben durchaus die Traumwelt wie beim gewöhnlichen Bewußtsein ab, geradeso wie es ja auch dem äußeren Wachleben gegenüber ist. Ich habe oftmals betont, daß derjenige, der zu einem wirklichen geistigen Anschauen kommt, nicht etwa ein solcher Träumer oder Schwärmer wird, daß er fortwährend nur in höheren Welten lebt und die äußere Wirklichkeit nicht sieht. Derjenige, der so ist, daß er nur fortwährend in höheren Welten lebt oder von höheren Welten träumt und die äußere Wirklichkeit nicht sieht, ist kein Initiierter oder Eingeweihter, sondern er ist, wenn auch vielleicht nur seelenpathologisch, aber doch pathologisch zu nehmen. Wirkliche Initiierten-Erkenntnis führt nicht vom gewöhnlichen physischen Leben und seinen einzelnen Verhältnissen hinweg, sondern im Gegenteil, es macht zu einem sorgfältigeren, gewissenhafteren Beobachter, als man ohne die Fähigkeit des Schauens ist. Und man kann schon sagen, wenn jemand keinen Sinn hat für die gewöhnlichen Wirklichkeiten, kein Interesse hat für die Einzelheiten des Lebens, kein Interesse hat für die Einzelheiten im Leben der anderen Menschen, wenn er so «erhaben» — ich sage aber das unter Gänsefüßchen -, wenn er so «erhaben» hinschwebt über das Leben und sich nicht kümmert um dessen Einzelheiten, so kann das allein schon ein Zeichen sein, daß es bei ihm nichts ist mit einem wirklichen Schauen. So daß der Imaginierende - ich rede jetzt nur von ihm, er kann natürlich auch ein inspirierter, ein intuitiver Mensch sein — das Traumleben aus seiner eigenen Erfahrung sehr gut kennt. Aber ein Unterschied in der Auffassung gegenüber dem Traume ist doch vorhanden. Der Imaginierende empfindet den Traum als etwas, mit dem er sich verbindet, mit dem er in einem viel stärkeren Maße eins wird, als das durch das gewöhnliche Bewußtsein sein kann. Er vermag den Traum ernster zu nehmen. Und eigentlich berechtigt erst die Imagination, den Traum ernst zu nehmen, denn sie befähigt dazu, gewissermaßen hinter das Träumen zu sehen und am Traum aufzufassen vorzugsweise seinen dramatischen Fortgang, seine Spannungen und Lösungen, seine Katastrophen, seine Krisen, nicht so sehr den einzelnen Trauminhalt. Der einzelne Trauminhalt fängt einen bei der. Imagination sogar an, weniger zu interessieren. Viel mehr interessiert einen, ob der Traum zu einer Krisis führt, zu einer Freude führt, ob er zu etwas führt, was einem leicht wird oder schwer wird und dergleichen.

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