Achter Vortrag
Diese Welt der Erinnerungen, auf die Sie sich nur zu besinnen brauchen, um sie zunächst in ihrem ganzen Schattenhaften, Schemenhaften vor sich zu haben, diese Welt der Erinnerungen, was wird sie vor dem imaginierenden Bewußtsein? Sie verbreitert sich sogleich, sie wird ein mächtiges Tableau vor der Imagination, durch das man alles das in Bildern überschaut, was man in dem gegenwärtigen Erdenleben durchlebt hat. Man möchte sagen (es wird gezeichnet), wenn dies der Mensch ist, dies die Erinnerung in ihm: durch die Imagination wird diese Erinnerung sogleich ausgedehnt bis zur Geburt hin. Man fühlt sich wie aus dem Raume heraußen; da ist alles Geschehen. Man schaut so in ein Tableau hinein, indem man das ganze bisherige Erdenleben überschaut. Die Zeit wird zum Raum. Wie in eine Allee schaut man hinein. Man überschaut dieses ganze Bisherige in einem Tableau, in einem Panorama, und man kann sagen: die Erinnerung verbreitert sich, dehnt sich aus. Sie ist wie in einem einzigen Zeitmomente, wenn wir sie im gewöhnlichen Bewußtsein haben. Sie ist ausgedehnt in der Zeit, wenn wir sie vor dem imaginierenden Bewußtsein haben. Vor dem gewöhnlichen Bewußtsein, da ist es wirklich so: Wenn man zum Beispiel, sagen wir, vierzig Jahre alt geworden ist und man erinnert sich an etwas, was man vor zwanzig Jahren erlebt hat, aber man imaginiert nicht, man stellt gewöhnlich vor, ja dann ist es so, wie wenn es zwar weit fort wäre, weit fort im Raume, aber doch da wäre. Wenn man imaginiert, weiß man jetzt: es ist dageblieben; es ist ebensowenig verschwunden wie die fernen Bäume einer Allee. Es ist da. Wie in eine Allee hinein, so schaut man hinein in dieses Tableau. Und man erkennt, daß diese Erinnerung, die man im gewöhnlichen Bewußtsein in sich trägt, eine arge Illusion ist.
Cite:
GA 234/1924-02-09/p017 · edition original