Achter Vortrag
Und in dem Augenblicke, wo der Mensch mit dem imaginativen Bewußtsein so weit ist, daß dieses imaginative Bewußtsein sich genügend intensiviert hat, da schaut er nicht nur hin wie auf ein Panorama seiner Erlebnisse, sondern da wird er genötigt, darauf aufmerksam zu werden, daß er ja gar nicht ein ganzer Mensch ist, wenn er das nicht durchlebt, was er da undurchlebt gelassen hat, diese andere Seite seiner Handlungen, diese andere Seite seines Erdenlebens. Man beginnt, sich gegenüber diesem Lebenspanorama, das bis zur Geburt oder über die Geburt hinausreicht, ganz krüppelhaft vorzukommen, wie wenn einem etwas abgeschlagen wäre. Man sagt sich fortwährend: Das hättest du doch miterleben sollen; du bist ja eigentlich so, wie wenn dir dein Auge ausgeschlagen wäre, dein Bein abgeschlagen wäre; du bist ja nicht ein ganzer Mensch. Du hast ja die Hälfte deiner Erlebnisse in Wirklichkeit nicht gehabt. Das muß im Laufe des imaginierenden Bewußtseins eintreten, daß man sich also verstümmelt fühlt in bezug auf die Erlebnisse, daß man vor allen Dingen fühlt, wie einem das gewöhnliche Leben etwas zudeckt.
Cite:
GA 234/1924-02-09/p022 · edition original