Achter Vortrag
Es gibt eine ungeheure Vertiefung des Lebens, wenn man auf dieses Schuldigwerden den Göttern gegenüber aufmerksam wird und sich sagt: Die Hälfte des Lebens auf Erden kann man eigentlich nicht durchleben, weil es sich unter der Oberfläche des Daseins verbirgt. Lernt man durch Initiation kennen, was sich da sonst verbirgt für das gewöhnliche Bewußtsein, dann kann man schon ein wenig hineinsehen in das, was man schuldig geworden ist. Und man könnte dann sagen: Mit dem gewöhnlichen Bewußtsein sieht man, daß man schuldig wird, aber man kann den Schuldschein nicht lesen, den man selber ausstellen sollte. Mit dem initiierten Bewußtsein kann man zwar den Schuldschein lesen, aber man kann ihn nicht bezahlen im gewöhnlichen Leben. Man muß warten, bis der Tod kommt. Und hat man dieses Bewußtsein erlangt, hat man so das menschliche Gewissen vertieft, daß dieses Bewußtsein des Schuldiggewordenseins ganz lebendig in einem ist, dann ist man reif geworden, das Menschenleben weiter zu verfolgen nach jenem rückschauenden Tableau, von dem ich gesprochen habe, wo man zurückgeht bis zu der Geburt. Und dann sieht man, wie nach einigen Tagen dieses beginnt: daß man das erleben muß, was man unerlebt gelassen hat.
Cite:
GA 234/1924-02-09/p026 · edition original