Neunter Vortrag
Indem dies betrachtet wird, mag ja sehr stark hervortreten, wie eigentlich die Grenze zwischen dem Seelischen und dem Physischen ist. Sehen Sie, der Mensch wird leicht so etwas wie Durst oder Hunger für etwas Physisches anschauen. Gewiß, weil Durst und Hunger gewisse physische Veränderungen im Organismus sind. Aber denken Sie sich nur einmal, dieselben physischen Veränderungen, die in einem menschlichen physischen Organismus sind, wenn er Durst hat, seien in irgendeinem Körper, der nicht beseelt ist. Dieselben Veränderungen können doch da sein, aber der nichtbeseelte Körper wird nicht Durst haben. Sie können als Chemiker untersuchen, welche Veränderungen in Ihnen sind, wenn Sie Durst haben. Bringen Sie dieselben Veränderungen irgendwie hervor in denselben Substanzen und in demselben Kräftezusammenhang in einem Körper, der nicht menschlich beseelt ist, er hat nicht Durst. Durst ist eben nicht etwas, was im physischen Leibe lebt, Durst ist etwas, was durch Veränderungen des physischen Leibes im Seelischen, im Astralischen lebt. Ebenso der Hunger. Und wenn jemand in seiner Seele einen großen Gefallen hat an irgend etwas, das ihm durch physische Verrichtungen befriedigt wird im physischen Leben, dann ist es so, wie wenn er hier im physischen Leben Durst hat: das Seelische empfindet Durst, brennenden Durst nach denjenigen Dingen, die sich der Mensch hier angewöhnt hat, durch physische Verrichtungen zu befriedigen. Denn die physischen Verrichtungen kann man nicht vornehmen, wenn man den physischen Leib abgelegt hat. Ein großer Teil des Lebens nach dem Tode während dieses Rückganges, den ich hier angedeutet habe, verläuft dadurch, daß der Mensch sich in seinem Geistig-Seelischen erst angewöhnen muß, ohne seinen physischen Leib zu leben. Er hat fortwährend brennenden Durst zunächst nach dem, was sich nur durch den physischen Leib befriedigen läßt. Geradeso wie sich das Kind gewöhnen muß, seine Organe zu gebrauchen, wie es sprechen lernen muß, so muß sich der Mensch in dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt gewöhnen, nicht mehr seinen physischen Leib als die Grundlage seiner Seelenerlebnisse zu haben; er muß hineinwachsen in die geistige Welt.
Cite:
GA 234/1924-02-10/p020 · edition original