Elfter Vortrag

GA 235/1924-03-22/p040 ·1924-03-22 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Nun, ein anderer Zug noch bei Lessing ist sehr merkwürdig. Lessing hat sich in bezug auf seine Weltanschauung viel mit zwei Philosophen beschäftigt, mit Spinoza und Leibniz. Nun muß ich sagen, ich hatte ja solche Nebenbeschäftigungen manchmal gewählt, die Schriften zu lesen, in denen bewiesen wird von der einen Seite, daß Lessing Leibnizianer gewesen ist, und die anderen, die immer wieder beweisen mit noch gediegeneren Gründen, daß er Spinozist gewesen ist. Die stehen sich in der Welt gegenüber. Und man kann schon sagen, eigentlich kann man nicht recht unterscheiden, ob Lessing, der scharfsinnige Mann, Leibnizianer oder Spinozist gewesen ist — was das Gegenteil voneinander ist. Spinoza: pantheistisch, monistisch; Leibniz: monadistisch, also lauter Einzelwesen, ganz individualistisch. Aber man kann das nicht unterscheiden, ob Lessing Leibnizianer oder Spinozist gewesen ist. So daß man, wenn man nach dieser Richtung hin Lessing prüft, eigentlich zu keinem abschließenden Urteil kommt. Man kann nicht zu einem abschließenden Urteil kommen.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/235/1924-03-22/p040.json
Cite: GA 235/1924-03-22/p040 · edition original