Zwölfter Vortrag
Ja, sehen Sie, so etwas müssen Sie sich verständlich machen durch eine andere Tatsache, die ich auch einmal behandelt habe. Ich habe ja in der ehemaligen, von unserem Freunde Bernus herausgegebenen Zeitschrift «Das Reich» die «Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz» behandelt, habe darauf aufmerksam gemacht, daß ein siebzehn-, achtzehnjähriger Knabe diese «Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz» niedergeschrieben hat. Verstanden hat der Knabe nichts, aber auch gar nichts davon. Dafür gibt es einen äußerlichen Beweis. Er hat diese Chymische Hochzeit niedergeschrieben bis auf die letzte Seite, die ja überhaupt nicht dasteht. Sie steht auch heute nicht da, aber er hat die Chymische Hochzeit niedergeschrieben — und hat nichts davon verstanden. Wenn er etwas davon verstanden hätte, so hätte er doch das Verständnis noch in späteren Jahren haben müssen. Aber aus dem Knaben ist ein wackerer württembergischer Schwabenpfarrer geworden, der, man kann sogar sagen, unter dem Durchschnitt Erbauungs- und theologische Schriften geschrieben hat, Schriften, die weit davon entfernt sind, irgend etwas zu haben von dem Inhalte der «Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz». Daß da also nicht der spätere Schwabenpfarrer mit seiner Seele diese Chymische Hochzeit aufgeschrieben hat, dafür liefert ja das Leben den Beweis. Denn das ist eine durch und durch inspirierte Schrift.
Cite:
GA 235/1924-03-23/p035 · edition original