Zweiter Vortrag

GA 236/1924-04-12/p050 ·1924-04-12 · original (original)
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Wenn man aber merkt: in den schönen Formen, die zugleich etwas Linienhaftes, etwas Strenges haben, die gemalt und wieder nicht gemalt sind, leben die Mosaiken von Ravenna; in dem «Heiligen» lebt eine Geschichte, die einstmals von der Individualität selber durchgemacht worden ist, über die sich aber Seelendunst breitete, so daß aus dem Seelendunst eine andere Formung herauskam - und wenn man weiß: vom Frauengemüt ist dasjenige aufgenommen worden, was in der Graubündner Dichtung des «Jürg Jenatsch» lebt, und in manchem, was da ist an Stoßigem in dieser Graubündner Dichtung, da lebt wiederum der Haudegen aus dem Dreißigjährigen Kriege, der ein ziemlich philiströser Herr, aber dennoch ein Haudegen war; wenn man weiß: da lebt in der Seele in einer eigentümlichen Form dasjenige auf, was von früheren Erdenerlebnissen herüberkommt — dann beginnt man eigentlich erst zu begreifen. Und man sagt sich dann: In alten Zeiten der Menschheitsentwickelung haben die Menschen ungeniert gesprochen über die Art und Weise, wie überirdische Geister auf die Erde herabgestiegen sind, wie wiederum Menschen der Erde sich hinaufgelebt haben, um von der Geisteswelt aus weiterzuwirken, und das ist etwas, was wieder kommen muß, sonst bleibt der Mensch bei seinem Regenwurm-Materialismus. Denn was sich heute naturwissenschaftliche Weltanschauung nennt, ist ja eine Regenwurm-Weltanschauung.

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Cite: GA 236/1924-04-12/p050 · edition original