Fünfter Vortrag

GA 236/1924-04-27/p035 ·1924-04-27 · original (original)
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In bezug auf die Empfindung der moralischen Lage eines Menschen waren frühere Erdenepochen, frühere geschichtliche Epochen viel empfänglicher als die heutige Menschheit. Die heutige Menschheit ist eigentlich gar nicht empfänglich für die Schicksalsfrage. Gewiß, man trifft ab und zu auf einen Menschen, der das Hereinspielen des Schicksals verspürt; aber das eigentliche Verständnis für die großen Schicksalsfragen, das ist für die heutige Zivilisation, welche das einzelne Erdenleben wie etwas Abgeschlossenes für sich betrachtet, doch etwas außerordentlich Dunkles und Unverständliches. Die Dinge geschehen halt. Es trifft einen ein Unglück, und man bespricht es, daß einen ein Unglück getroffen hat, aber man denkt nicht weiter nach. Man denkt namentlich auch darüber nicht weiter nach, wenn irgendein äußerlich scheinbar ganz guter Mensch, der gar nichts irgendwie verbrochen hat, durch irgend etwas, was von außen hereinwirkt wie ein Zufall, zugrunde geht, oder vielleicht nicht einmal zugrunde geht, sondern furchtbar viel leiden muß durch eine schreckliche Verletzung und dergleichen. Man denkt nicht nach, wie sich in ein sogenanntes unschuldiges Menschenleben so etwas hereinstellen kann.

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Cite: GA 236/1924-04-27/p035 · edition original