Zehnter Vortrag
Nicht als ob man dasjenige, was als Platonismus fortlebte, deshalb verurteilen oder abkritisieren wollte. Selbstverständlich, die Seele des Plato lebte Stück für Stück immer mehr und mehr dasjenige in die folgenden Zeitalter hinüber, was eben in ihr lag. Aber gerade Plato, der ja noch verbunden war mit allen Mysterien des Altertums, von dem ich sagen konnte, daß seine Ideenlehre ja eine Art persischen Einschlags hatte, gerade Plato hatte es schwer, als er die Zeit absolviert hatte — es war bei ihm sogar eine ziemlich lange Zeit —, um zu einer neuen Inkarnation zu kommen, er hatte es eigentlich schwer, in die christliche Kultur einzutreten, in die er doch eintreten mußte. Und so kann man sagen: Trotzdem man in dem Sinne, wie ich es eben ausgesprochen habe, Plato dennoch als einen Vorläufer des Christentums bezeichnen kann, lag die ganze Seelen-Orientierung Platos so, daß es ihm außerordentlich schwer wurde, als er reif war zum Wiederheruntersteigen auf die Erde, eine Organisation, einen Leib zu finden, um in ihn das Frühere so hineinzutragen, daß es mit christlicher Schattierung, mit christlicher Nuancierung jetzt erschien. Und außerdem war Plato durch und durch Grieche mit all dem orientalischen Einschlag, den die Griechen hatten und den die Römer gar nicht hatten. Plato war in gewissem Sinne eine Seele, welche hinauftrug bis in das höherpoetische Reich die Philosophie, und künstlerisch sind die philosophischen Dialoge Platos. Überall ist Seele und überall drinnen eben die in wahrem Sinne zu verstehende platonische Liebe, die auch den orientalischen Ursprung durchaus verrät.
Cite:
GA 238/1924-09-23/p019 · edition original