Zehnter Vortrag
Und Karl Julius Schröer hat eine Geschichte der deutschen Dichtung im neunzehnten Jahrhundert geschrieben. Schauen Sie sich das an: Überall wo man mit dem Platonismus gefühlsmäßig herankommen kann, ist sie sehr gut; da wo man Intellektualismus braucht, da wird’s plötzlich so, daß die Zeilen versiegen. Er ist gar nicht professorenhaft. So schreibt er auch über Sokrates, der bei der neueren Inkarnation äußerlich in der Welt gar nicht berücksichtigt wurde, über den die übrigen Literaturgeschichten schweigen, viele Seiten;[^1] über diejenigen, die berühmt sind, da schreibt er manchmal ein paar Zeilen. Als diese Literaturgeschichte erschienen ist, oh, da haben alle literarischen Knöpfe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen! Ein ganz berühmter Knopf war dazumal Emil Kuh. Der sagte: Diese Literaturgeschichte ist überhaupt nicht von einem Kopf geschrieben, sondern bloß aus einem Handgelenk herausgeflossen. — Karl Julius Schröer hat auch eine Faust-Ausgabe gemacht. Ein Grazer Professor, der übrigens sonst ein netter Mann war, hat eine so abscheuliche Rezension darüber geschrieben, daß, ich glaube, zehn Duelle unter den Grazer Studenten pro und kontra Schröer ausgefochten worden sind. Es war schon ein arges Verkennen da. Das ging so weit, daß mir einmal diese geringe Schätzung Schröers eigentümlich in einer Gesellschaft in Weimar entgegentrat, wo Erich Schmidt eine hochangesehene Persönlichkeit war und über alles dominierte, wenn er unter anderen war. Da war die Rede davon, welche Prinzessinnen und Prinzen am Hofe zu Weimar gescheit sind und welche töricht sind. Das wurde da auseinandergesetzt. Und Erich Schmidt sagt: Ja, die Prinzessin Reuß — das war ja eine der Töchter der Großherzogin von Weimar — ist keine kluge Frau, denn sie hält den Schröer für einen großen Mann. Das war sein Grund.
Cite:
GA 238/1924-09-23/p031 · edition original