Vierter Vortrag
Sehen Sie, es ist notwendig, daß man die Fäden findet, welche in frühere Zeiten zurückführen. So wurde ich bei einer anderen Gelegenheit geführt auf eine Persönlichkeit, die etwa im neunten Jahrhundert im Nordosten Frankreichs, des heutigen Frankreich, gelebt hat und eine Persönlichkeit war, die in der ersten Zeit ihres Lebens einen weiten Besitz an Landgütern hatte, die für die damalige Zeit eine reiche Persönlichkeit war, eine kriegerische Persönlichkeit zugleich, und im kleinen viele abenteuerliche Kriegszüge — nichts gerade Großes durchgemacht hat. Diese Persönlichkeit sammelte, als sie ein bestimmtes Lebensalter erreicht hatte, um sich Leute, welche nun einen Abenteurerzug mit ihr unternahmen, der unglücklich ausging, der eine große, eine riesige Enttäuschung für diese Persönlichkeit brachte, und ohne etwas zu erreichen, mußte diese Persönlichkeit wieder nach Hause zurückkehren. Aber wie es in damaliger Zeit in manchen Gegenden war: Während die Persönlichkeit abwesend war von Haus und Hof und Land und Leuten, hatte ein anderer sich dessen Haus und Hof und Land und Leute bemächtigt. Die Persönlichkeit fand einfach nicht mehr ihr Eigentum vor - es ist sonderbar, aber es ist geschehen und mußte in Zukunft als eine Art Helot, als Leibeigener dienen auf dem eigenen Herrenhofe. Da wurde in der Nacht gewöhnlich so manche Zusammenkunft mit benachbarten Leuten gehalten, und in einer ziemlich wüsten Weise wurden Kraftideen entwickelt, bei denen nichts weiter herauskommen konnte, als daß sie eben entwickelt wurden. Man möchte sagen, ein realdialektisches Spiel wurde mit diesen Kraftideen der Auflehnung gegen die Herren - fast wie im alten Römertum — getrieben. Diese Persönlichkeit kann einem schon interessant werden, die von Besitz und Eigentum und Befehlsgewohnheiten vertrieben wurde, die aber ungebeugt an Willen zum Aufrüttler wurde in der ganzen Gegend, namentlich gegen den, der sich des Eigentums bemächtigt hat. Und wiederum erschien im neunzehnten Jahrhundert diese Persönlichkeit und wurde innerlich, gedanklich, seelisch dasjenige, was werden konnte aus dieser früheren Inkarnation, wurde Karl Marx, der Sozialistenhäuptling. Und nun denken Sie, meine lieben Freunde, wie durchhellt die Weltgeschichte wird, wenn man sie in dieser Weise betrachten kann, wenn man tatsächlich die Seelen verfolgen kann von einer Epoche zur anderen; wie hinübergetragen wird das, was auf den Seelen liegt, von einer Epoche in die andere Epoche. Konkrete Zusammenhänge bekommt dadurch das geschichtliche Leben und Werden und Wesen der Menschheit.
Cite:
GA 239/1924-04-05/p013 · edition original