Vierter Vortrag
Um das einzusehen, worum es sich handelt, muß man sich folgendes klarmachen: Der Christus hat seinen intimeren Schülern sehr klar gemacht, wie in diejenige Wesenheit, die da war der Jesus, der im Orient drüben geboren worden ist, ihn erfüllend gekommen ist im dreißigsten Jahre der Christus als ein Sonnenwesen, als ein kosmisches Wesen. Hineingeboren war der Jesus von Nazareth in eine Mondreligion; denn was war die Jahve-, die Jehovareligion? Was war Jahve selber? Wenn man aufblickte zu Jahve, blickte man hinauf zum menschlichen Ich, das unmittelbar abhängig ist von der physischen Menschengestaltung, von derjenigen Menschengestaltung, die mit uns geboren wird. Dasjenige aber, was mit uns geboren wird, was in uns geformt wird, was in uns ausgebildet wird, indem wir im mütterlichen Leibe zu einem Ich gestaltet werden, ist abhängig von den Mondenkräften. Und Jahve ist eigentlich eine Mondengottheit. Und indem aufgeschaut wurde zu Jahve, sagte man sich: Jahve ist der Führer der Mondwesenheiten, von denen da stammen die Kräfte, die den Menschen ins physische Erdendasein hereinstellen. Aber wenn nur Mondenkräfte im Menschen wirkten, würde er niemals über dasjenige, was in ihm im Leben der Erde veranlagt ist, hinauskommen können. Das kann aber der Mensch jetzt nicht; das hat er in älteren Zeiten gekonnt. Wenn wir zurückgehen in vorhistorische irdische Zeiten, da finden wir ein sehr Merkwürdiges, das den heutigen Menschen sonderbar anmutet. Da finden wir, wie Menschen - der größte Teil einer gewissen Menschenklasse - im dreißigsten Jahre des Lebens eine vollständige Verwandlung der menschlichen Seele erlebten. So sonderbar, paradox es den heutigen Menschen erscheint, es war dennoch so in einer Zeit, von der die Veden nur Nachklänge geben. Es gab damals Menschen im alten Indien: wenn ihnen ein anderer, den sie vor drei Jahren gesehen hatten, begegnete, so konnten sie unter Umständen von ihm erfahren, daß sie ihn gesehen hatten; aber sie erkannten ihn nicht. Sie hatten alles vergessen, was bis zum dreißigsten Jahre war, sie hatten alles vergessen, sogar die Identität ihrer Persönlichkeit. Und so war die Einrichtung sogar vorhanden — wir würden es heute ein Amt nennen, wir nennen ja alles Amt und Behörde -, es bestand die Einrichtung, daß eine solche Persönlichkeit zum Amt gehen und sich sagen lassen mußte, wo sie geboren war und wer sie war. Diese Persönlichkeiten, die bekamen dann in den Mysterien die Mittel, sich erst wieder zurückzuerinnern an ihr Leben bis zum dreißigsten Jahre. Sie waren diejenigen, die dann später die «Zweimal-Geborenen » genannt wurden, die ihr erstes Dasein verdankten den Mondenkräften, ihr zweites Erdendasein verdankten den Sonnenkräften.
Cite:
GA 239/1924-04-05/p017 · edition original