Vierter Vortrag
Das, was in alten Zeiten im Laufe des Erdenlebens als eine solche Metamorphose so besonders radikal auftritt, was man das Zweimalgeboren-werden nannte, das schrieb man der Sonne zu; mit Recht, denn die Sonnenkräfte hängen mit allem zusammen, was der Mensch in Freiheit aus sich machen kann. Aber allmählich war es in der Entwickelung der Menschheit so gekommen, daß dies nicht mehr hineingehörte in die menschliche Entwickelung, daß der Mensch nicht mehr mit dem Hinaufblicken in die Weltenweiten das Bewußtsein davon in das Physische hineinnahm. Julian Apostata wollte darauf aufmerksam machen, daß es das noch gab, aber er mußte es mit dem Tode büßen. Der Christus aber wollte dadurch, daß er seinem Worte die Kraft verlieh, den Menschen dasjenige, was die Natur nicht gab, durch die Moral bringen, durch die religiös-moralische Vertiefung. Der Christus war es, der die Menschen lehrte: Wenn ihr fühlt, wie ich fühle, wenn ihr, statt nach der Sonne zu sehen, nach dem seht, was in mir erweckt ist, der noch als letzter im dreißigsten Jahre das Sonnenwort empfing, dann werdet ihr wieder den Weg zum Sonnenhaften finden. — Und die Mysterienlehrer der ersten christlichen Zeit wußten ganz genau: Es wird sich nun der Verstand entwickeln, die Intellektualität, die dem Menschen zwar die Freiheit bringt, die ihm aber das alte Hellschen nimmt, das ihn in die Geistigkeit des Kosmos führt.
Cite:
GA 239/1924-04-05/p018 · edition original