Achter Vortrag
Auf der anderen Seite kann sie hinweisen auf den Moment der Geburt. Aber über diesen Moment der Geburt kann man eigentlich nur eine der Todesvorstellung entsprechende Vorstellung gewinnen, wenn man sich ein wenig einläßt auf eine unbefangene Selbstbeobachtung. Diese Selbstbeobachtung muß auf das menschliche Denken gehen. Das menschliche Denken, es verbreitet sich über alles dasjenige, was in der physisch-sinnlichen Erdenwelt geschieht. Wir machen uns über das, was so in der Welt vorgeht, unsere Gedanken. Wir könnten gar nicht Menschen sein, wenn wir uns nicht diese Gedanken machten; denn durch die Bildung dieser Gedanken unterscheiden wir uns von allen anderen Wesenheiten, die uns in dem irdischen Bereiche umgeben. Aber wenn wir unsere Gedanken in unbefangener Selbstbeobachtung erfassen, dann erscheinen sie uns ja wirklich recht weit entfernt von alledem, was uns sonst als Wirkliches umgibt. Man stelle sich nur in der richtigen Art vor, wie innerlich-abstrakt und kalt wir werden, wenn wir uns dem Denken hingeben, gegenüber der Art, wie wir sind, wenn wir uns mit unserer Seele dem Leben hingeben. Darüber sollte gar kein Zweifel sein vor dem unbefangenen Gemüte, daß Gedanken als solche zunächst etwas Kaltes, Abstraktes, etwas Nüchternes, Trockenes haben. Aber es sollte zu dem ersten meditativen Erleben des Anthroposophen gehören, in der richtigen Art gerade unser Gedankenleben anzuschauen. Dann wird ihm an diesem Gedankenleben etwas aufgehen, was ihm sehr ähnlich erscheinen kann wie der Anblick, den wir gegenüber einem Leichnam haben. Was ist denn charakteristisch für den Anblick eines Leichnams? Da liegt er vor uns, dieser Leichnam. Wir sagen uns: In diesem Gebilde hat eine menschliche Seele, ein menschlicher Geist gelebt; diese menschliche Seele, dieser Geist sind fort. Wie eine Schale der Seele und des Geistes liegt das da, was ein menschlicher Leichnam ist, aber uns zugleich den Beweis liefernd, daß alles, was außermenschliche Welt ist, dieses Gebilde niemals hätte hervorbringen können, daß dieses Gebilde nur aus der innersten, geistbeseelten Menschennatur selber hervorgehen konnte, daß es ein Überrest ist von etwas, das nicht mehr ist. Die Form selber zeigt uns: Der Leichnam ist ja keine Wahrheit, er ist nur ein Rest von einer Wahrheit, er hat nur einen Sinn, wenn Seele und Geist darin leben. Jetzt in der übriggebliebenen Form hat er eben vieles verloren, aber so wie er ist, zeigt er gerade, daß Seele und Geist in ihm gewohnt haben.
Cite:
GA 239/1924-06-07/p006 · edition original