Achter Vortrag
Zunächst tritt uns ja dieses menschliche Schicksal nur so vor die Seele, daß es uns sozusagen wie zufällig trifft, daß es sich wie zufällig auslebt. Wir vollbringen dies und jenes aus diesem oder jenem Impulse heraus und müssen uns dem gewöhnlichen Leben gegenüber sagen: In unzähligen Fällen kommt es vor, daß dem Guten schwierige, leidvolle, tragische Lebenserfahrungen beschieden sind, wogegen demjenigen, der gar nicht gute Absichten hat, nicht schlimme, sondern gerade gute Lebenserfahrungen zuteil werden. Den Zusammenhang zwischen dem, was seelisch von uns ausgeht, und dem, was uns schicksalsmäßig trifft, diesen Zusammenhang sehen wir mit dem gewöhnlichen Bewußtsein im gewöhnlichen Leben bekanntlich nicht. Wir sehen, wie das Gute getroffen werden kann von den schlimmsten Schicksalsschlägen, das Böse nicht getroffen zu werden braucht von etwas anderem als oftmals von einem relativ guten Schicksal. Wir sehen im Naturgeschehen die Notwendigkeit, wie Wirkungen auf die Ursachen folgen; wir können das in geistiger Beziehung, in das unser moralisches Leben eingesponnen ist, nicht sehen. Und dennoch, wenn wir wiederum unbefangen auf das Leben hinsehen, sehen wir auch das Schicksal sich so abspielen, daß wir uns sagen müssen: es fließt so das Schicksal fort, daß wir es selber gesucht haben.
Cite:
GA 239/1924-06-07/p012 · edition original