Achter Vortrag
Man sei nur ganz unbefangen sich selbst gegenüber. Man schaue sich in irgendeinem Zeitpunkte des Lebens, den man in dieser Inkarnation erreicht hat, das frühere Leben an. Sagen wit, es ist einer fünfzig Jahre alt geworden und er schaut mit unbefangenem Blicke diese fünfzig Jahre zurück bis in die Kindheit; dann sieht man, wie man eigentlich durch einen inneren Drang zu allem selber hingegangen ist, was einen trifft. Es ist unangenehm, es zu beobachten; aber man verfolge die Dinge rückwärts, und man sieht, wie man sich sagen muß bei dem, was ausschlaggebend ist im Leben: Man hat sich wie zu einem Punkte, auf den man im Raum losgeht, so in der Zeit zu diesen Ereignissen des Lebens hinbewegt. - Es fließt schon das Schicksalsmäßige aus uns selber. Deshalb ist es durchaus begreiflich, wenn solche Menschen, die nun auch etwas väterlich geworden sind, wie Goethes Freund Knebel, sich sagen: Betrachtet man dieses Menschenleben, so kommt es einem ganz planvoll vor. Gewiß, dieser Plan ist nicht immer so, daß, wenn man auf ihn zurückblickt, man sich auch immer sagt: Wenn ich so zurückschaue, da würde ich es wieder so tun. — Aber dennoch, wenn man auf die Einzelheiten, die man getan hat, hinsieht, sieht man immer: Man hat zum Vorhergehenden das Folgende zugesetzt aus inneren Trieben heraus, und so ist es geschehen, daß dieses oder jenes Ereignis in unser Leben hineinfiel, - Man kommt auf diese Weise dazu, einzusehen, daß eine ganz andere Gesetzmäßigkeit durch unser moralisches Seelenleben sich ausdrückt als im Naturleben. Durch alles das kann man sich dann die Stimmung schaffen, in der man gegenübertreten muß dem Geistesforscher, der nun aus der Anschauung der geistigen Welt die Gestaltung des Schicksals ebenso zu schildern weiß, wie der Naturforscher aus den Naturvorgängen die Naturgesetze. Und eben dieses Erfassen der geistigen Gesetzlichkeit im Weltenall, das ist die Aufgabe der Anthroposophie in der Gegenwatt.
Cite:
GA 239/1924-06-07/p013 · edition original