Zehnter Vortrag
Wir bekommen durch unsere Eltern, wenn wir hineingeboren werden in das Erdenleben aus unserem vorirdischen Dasein, scheinbar ganz den physischen Leib. Und die Sache könnte sich so ausnehmen — aber sie ist nicht in Wirklichkeit so -, als ob wir mit einem Seelisch-Geistigen herunterkämen aus der übersinnlichen Welt, aus dem vorirdischen Dasein, und uns mit dem, was uns die Eltern zurechtlegen in der physischen Welt, was sich im Mutterleibe ausbildet, uns bloß äußerlich verbinden würden. Aber so ist es ja nicht, sondern in Wirklichkeit ist es so: Dasjenige, was wir in unserem physischen Leibe in physischer Substanz haben, das ändert sich ja fortwährend. Es geht fortwährend weg und wird neu ersetzt. Sie brauchen ja nur an Ihre Fingernägel und an Ihre Haare zu denken. Die Fingernägel schneiden Sie ab, sie wachsen immer nach. Aber das ist nur das Äußerliche; in Wirklichkeit schuppt der Mensch nach außen fortwährend ab und ersetzt das von innen neu, von dem inneren Mittelpunkt aus, was er abschuppt nach außen hin. Er schiebt fortwährend die Materie nach außen, stößt sie ab. Und nach sieben bis acht Jahren ist es so, daß wir alles, was wir als physische Substanz vor sieben Jahren in uns gehabt haben, abgestoßen und neu ersetzt haben. Sehen Sie, es ist schon so: Ich habe ja die Freude gehabt, vor sieben Jahren vor einigen hier in Breslau zu sprechen. Es sind auch die Freunde auf Stühlen vor mir gesessen. Aber von dieser physischen Materie, die dazumal auf den Stühlen war, ist keine mehr heute da: alles ist fort, alles ist ersetzt durch andere physische Materie, und dasjenige, was geblieben ist, ist die geistig-seelische Individualität. Die war allerdings schon da, bevor sie geboren wurde, im vorirdischen Dasein. Die war in früheren Erdenleben da, die ist sozusagen treu. Aber die Substanz des physischen Leibes, die dazumal auf den Stühlen saß, ist längst in alle Winde und in andere Weltengegenden hin verflogen.
Cite:
GA 239/1924-06-09/p007 · edition original