Dreizehnter Vortrag
Es ist außerordentlich viel vorgegangen in der geistig-physischen Entwickelung der Erde mit der Wende des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts. Das haben schon die alten Orientalen geahnt, indem sie gesprochen haben davon, daß das Kali Yuga, das finstere Zeitalter, mit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts schließt und ein lichtes Zeitalter beginnt. Das hat auch begonnen, nur weiß man es nicht, weil die Menschen mit ihrem Gemüte noch im neunzehnten Jahrhundert drinnenstehen und die Vorstellungen in ihren Herzen und ihren Seelen so träge fortrollen. Aber um uns herum ist schon helle, lichte Klarheit. Und wir brauchen nur hinzuhorchen auf dasjenige, was sich aus der geistigen Welt offenbaren will; wir können es vernehmen. Und weil das jugendliche Gemüt besonders empfänglich ist, tritt auch in den jugendlichen Gemütern mit der Jahrhundertwende eine unbestimmte Sehnsucht auf, den Menschen genauer kennenzulernen, den Menschen intimer anzuschauen. Wer um dieses Zeitalter geboren wurde, so um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts, fühlt ganz instinktiv: Man muß viel mehr wissen vom Menschen, als einem die Menschen sagen können. — Man lebt und man wächst so heran, und man fühlt instinktiv: Viel mehr muß man vom Menschen wissen, aber kein Mensch sagt einem dasjenige, wonach man verlangt. - Man sucht nach dem Menschen, man tut alles mögliche, um den Menschen zu suchen. Es wurde einem ganz unbehaglich bei denjenigen, die alt waren, wenn man Kind war oder junger Mensch, denn man wollte von diesen etwas wissen, und die wußten nichts über den Menschen. Denn die moderne Zivilisation kann nichts aussprechen, weiß nichts zu sagen über den menschlichen Geist. Man vergleicht das nur nicht mit früheren Zeitaltern. Die wußten aus voller Herzhaftigkeit sehr vieles den Jungen zu sagen über den Menschen. Als die realen Vorstellungen noch lebendig waren, da wußten die Alten noch sehr viel zu sagen; jetzt wußte man nichts zu sagen. Und so wollte man laufen und laufen, irgendwohin, um etwas zu erfahren über den Menschen. Man wurde ein Wandervogel, man wurde ein Pfadfinder; man lief weg von den Menschen, die einem nichts zu sagen hatten, wollte irgendwo etwas suchen, was einem über den Menschen etwas sagen kann.
Cite:
GA 239/1924-06-12/p011 · edition original