Dreizehnter Vortrag
In einem Zeitalter, wo sich als die höchste menschliche Fähigkeit nur das Abstrakte, rein Gedankenhafte ausbilden kann, das Trockene, Nüchterne, in einem solchen Zeitalter identifizierte man allmählich immer mehr und mehr, weil man nur den einen abstrakten Gott kannte, diesen mit dem Denken, vergötterte der Mensch sein Gedankenleben; vergötterte, als man vergessen hatte, daß das Denken einen altruistischen Anflug hat, noch immer dieses menschliche Denken, diesen menschlichen Intellekt. Das war in den Nachfolgern des Mohammed in originaler Weise großartig veranlagt, dieses Abstrakte im Weltdurchdenken. Einer dieser Nachfolger war Muawija. Ich wünschte, Sie könnten die Geschichte nachlesen. Sie würden eine eigentümliche Geisteskonfiguration in ihm finden, sozusagen richtig den Anfang einer Menschenart haben, die man als rechte Abstraktlinge bezeichnen kann, Menschen, die alles in der Welt von gewissen einfachen Sätzen aus gestalten wollen. Muawija, einer der Nachfolger Mohammeds, kam in unserem Zeitalter wieder, wurde Woodrow Wilson. Die Abstraktheit des Mohammedanismus lebte in ihm auf, die Meinung entstand, aus vierzehn kalten, abstrakten, inhaltlosen Sätzen könne man eine Welt gestalten. In Wahrheit war keine welthistorische Illusion größer als diese, und in Wahrheit ist man auf keine welthistorische Illusion so hineingefallen, fast die ganze Menschheit, wie auf diese. Und nicht verstehen wollte man, als ich schon vor dem Kriege in meinen Helsingforser Vorträgen auf die Unzulänglichkeit von Woodrow Wilson hinwies - denn dazumal war er im Aufgange seines Ruhmes -, nicht verstehen wollte man, wenn ich immer wieder und wieder überall, wo ich reden konnte, hinwies darauf, wie das Unglück, das heraufdämmert, zusammenhängt mit der Abgötterei, welche die Welt betreibt mit Woodrow Wilson.
Cite:
GA 239/1924-06-12/p018 · edition original