Erster Vortrag
Alles das wurde aber eben durch Jahrhunderte vorbereitet. Hier auf der Erde hatte sich allmählich ein Christentum herausgebildet, welches die Evangelien so nahm, als ob sie nur von einem Wesen — Jesus von Nazareth - sprächen, das von irgendwelchen abstrakten Höhen her den Christus verkünden sollte. Man hatte keine Ahnung mehr, wie die Sternenwelt als der Ausdruck des Geistigen zusammenhängt mit der geistigen Welt, konnte daher auch nicht verstehen, was es bedeutet: der Christus, als ein göttlicher Sonnenheld, sei in den Jesus heruntergestiegen, um das Schicksal der Menschen zu teilen. — Für diejenigen, welche heute nach der üblichen Weise die Geschichte betrachten, sind ja gerade die allerwichtigsten Tatsachen nicht da. Vor allen Dingen ist kein rechtes Verständnis vorhanden für diese «ketzerischen» Seelen; sie kennen sich ja selber zumeist nicht, jene ketzerischen Seelen, die entweder als Christentum-müde oder Christentum-sehnsüchtige gegen das 20. Jahrhundert auf die Erde herabgestiegen sind. Gegen das 7., 8. Jahrhundert verschwand allmählich das an Traditionen über den Christus, was unter den Christentum-müde werdenden Ketzern lebte. Es blieb dann nur noch in kleinen Kreisen, wo es weitergepflegt worden ist bis in die Mitte des Mittelalters, bis ins 12. Jahrhundert hinein. Da waren kleine Kreise von, ich möchte sagen, gottbegnadeten Lehrern, die noch etwas erhalten haben von den Nachrichten der alten Zeiten über das spirituelle Christentum, über das kosmologische Christentum. Unter diesen waren auch solche, die diese Mitteilungen aus alten Zeiten empfingen und denen dabei etwas aufging wie eine Inspiration; so daß sie noch in sich selber einen, wenn auch nur starken oder schwachen, aber doch einen Abglanz desjenigen erleben konnten, was man in den ersten Jahrhunderten des Christentums — noch unter einer mächtigen Inspiration des Heruntersteigens des Sonnengottes in das Mysterium von Golgatha - erschauen konnte.
Cite:
GA 240/1924-07-18/p020 · edition original