Erster Vortrag
So waren also zwei Strömungen namentlich da. Einmal jene Strömung, die direkt hervorgeht aus den ketzerischen Bewegungen der ersten Jahrhunderte des Christentums. Diese Seelen waren noch durch das angeregt, was im alten griechischen Platonismus lebte. Sie waren so angeregt, daß, wenn durch die Mitteilungen aus den alten Zeiten der innere seelische Durchbruch kam, sie immerhin, wie eben unter einer zwar schwachen, aber doch vorhandenen Inspiration, hineinschauen konnten in das Herabsteigen und in das Wirken des Christus auf Erden. Es war die platonische Strömung. Die andere Strömung war zu etwas anderem ausersehen. Ihr gehörten namentlich diejenigen Seelen an, die ihre letzte maßgebliche Inkarnation in der vorchristlichen Zeit durchgemacht hatten und damals das Christentum als etwas Künftiges angeschaut hatten. Es war das die Strömung, die den Intellekt vorzubereiten hatte für dasjenige Zeitalter, das ich immer bezeichnet habe als in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts beginnend. Da sollte das Zeitalter der Bewußtseinsseele heraufkommen, das Zeitalter, in welchem der menschliche Intellekt ausgebildet werden sollte. Das war im Gegensatz zu den Platonikern — aber im harmonischen Gegensatz zu ihnen vorbereitet durch die Aristoteliker. Und diejenigen, welche die aristotelische Lehre fortpflanzten bis ins 12. Jahrhundert, das waren noch die, welche ihre eigentliche maßgebende Inkarnation in der alten Heidenzeit, namentlich im Griechentum durchgemacht hatten. — Und dann kam - in der Mitte des Mittelalters, im 12. und 13. Jahrhundert — die große, die wunderbare, möchte ich sagen, Auseinandersetzung zwischen den Platonikern und den Aristotelikern. Und unter diesen Platonikern und Aristotelikern waren auch die Führer derjenigen, die als die zwei Gruppen von Seelen, die ich bezeichnet habe, die anthroposophische Bewegung forderten.
Cite:
GA 240/1924-07-18/p021 · edition original