Erster Vortrag
Gegen das 12. Jahrhundert hin bildete sich, wie durch eine innere Notwendigkeit, eine gewisse Schule aus, in der namentlich der Nachklang des alten platonischen Schauens auflebte. Das war die große, die herrliche Schule von Chartres. Sie hatte die großen Vertreter, welche noch Nachrichten hatten von den Geheimnissen des ersten Christentums; sie hatte diejenigen Vertreter, in deren Herzen und Seelen aus solchen Nachrichten dasjenige aufglänzte, was sie hineinschauen ließ in die geistigen Zusammenhänge, in die das Christentum hineingestellt war. In der Schule von Chartres in Frankreich, wo der herrliche, in so vielen großen Einzelheiten ausgeführteDom von Chartres ist, vereinigte sich, konzentrierte sich das, was kurz vorher, eben in kleinen Kreisen noch, viel verbreitet war. Wenn wir einen derjenigen nennen wollen, an den die Schule von Chartres anknüpfen konnte, die insbesondere am Ende des 11. und im 12. Jahrhundert blühte, so müssen wir nennen Peter von Compostella, der in inspirierten Einsichten in seiner eigenen Seele, in seinem eigenen Herzen das alte spirituelle Christentum erneuerte. Und neben ihm erleben wir eine ganze Reihe von wunderbaren Gestalten, die in Chartres lehrten. In diesem 12. Jahrhundert gab es in der Schule von Chartres ganz merkwürdige Töne über das Christentum. Da haben wir zum Beispiel Bernardus von Chartres, Bernardus Sylvestris, Johann Salisbury; da gab es aber namentlich den großen Alanus ab Insulis. Gewaltige Lehrer! Wie wenn Plato, interpretierend das Christentum, persönlich unter diesen Geistern gewirkt hätte, so sprachen sie in der Schule von Chartres. Sie lehrten den spirituellen Gehalt des Christentums. Die Schriften, die von ihnen herrühren, erscheinen vielleicht den heutigen Menschen, wenn sie sie lesen, abstrakt, was aber nur herkommt von der Abstraktheit der Seelen der heutigen Menschen. Die Schriften dieser großen Persönlichkeiten schildern die geistige Welt durchaus mit dem Einschlag des Christus. Und ich möchte Ihnen jetzt, meine lieben Freunde, so etwas vor die Seele hinstellen, wie es gelehrt wurde ganz besonders von Bernardus Sylvestris, von Alanus ab Insulis vor den eingeweihten Schülern. So paradox sich das für den heutigen Menschen ausnimmt - aber solche Erscheinungen gab es damals für den Schüler von Chartres.
Cite:
GA 240/1924-07-18/p022 · edition original